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DER SPIEGEL 16/2009 vom 11.04.2009, Seite 110

Autoren: Mathias Schreiber und Matthias Schulz

Titel

Das Testament der Sektierer

Vom rätselhaften "Evangelium des Judas" sind neue - verschollen geglaubte - Seiten aufgetaucht. Der Ketzerpapyrus beweist: Unter den frühchristlichen Sekten des 2. Jahrhunderts tobten schwere Richtungskämpfe. Einige feierten Sexorgien, andere verehrten Sodom und Gomorra.

Genf, ein unterirdisches Papyruslabor: Grelles Licht fällt auf eine Glasplatte. Der Augsburger Kirchengeschichtler Gregor Wurst beugt sich über uralte bräunliche Textfragmente.

Die Tinte, wahrscheinlich Saft von Granatäpfeln, ist verblasst. Als Schreibmaterial diente das breitgeklopfte Mark einer Sumpfpflanze, die vor rund 1700 Jahren am Ufer des Nils wuchs. Vorsichtig nimmt der Forscher eines der brüchigen Blätter, koptische Buchstaben stehen darauf.

Sie lauten: "Das Evangelium des Judas".

Es war eine Sensation, als dieses mysteriöse Manuskript vor drei Jahren erstmals der Öffentlichkeit zugänglich wurde. Von einer "Gegenbibel" war gar die Rede. Der Neutestamentler Bart Ehrman aus North Carolina spricht von der "wichtigsten archäologischen Entdeckung der vergangenen 60 Jahre".

Nur gerüchteweise war das Werk aus den Schriften der Kirchenväter bekannt. Nun machen sich die Forscher daran, das lange verschollene Dokument vollständig zu entziffern.

Was für eine verblüffende Geschichte wird da berichtet: Ausgerechnet Judas, der im Garten Gethsemane das Urdrama der christlichen Überlieferung in Gang setzte, tritt hier als Held auf.

Verhaftung, Kreuzigung, Auferstehung - das Ostergeschehen wäre ohne diesen Bösewicht unmöglich gewesen. Ohne Judas, den Finsterling, gäbe es keinen strahlenden Helden Jesus. Ohne seinen Verrat würde heute wohl die ganze christliche Kirche nicht existieren.

30 Silberlinge, so erzählt die Bibel, bekommt der Spitzel als Blutgeld. Die Summe entsprach etwa dem zeitgenössischen Preis für einen Sklaven, ein relativ bescheidener Lohn, der die Untat nur umso verwerflicher erscheinen lässt.

Immer wieder hat sich der Klerus über dieses Thema ereifert. Verpackt als Krimi vollzieht sich im Garten Gethsemane jener Schlüsselmoment, der die eigentliche Passion erst ins Rollen brachte. Seither ist Judas Iskarioth der Inbegriff von Habgier und Undankbarkeit.

Und er wurde ja gebraucht, dieser Horrorbote des Satans. Der Schuft, der Sündenbock, der vom Teufel Besessene, der hässliche Betrüger - das ist es, wonach ein Publikum verlangt, das die Schieflage einer Welt begreifen möchte, deren Schöpfer doch alles so gut gemeint hat.

Von Anfang an haben die Kirchenväter diese Verkörperung des Bösen geradezu mit Wollust ausgestaltet. "Als großes Beispiel der Gottlosigkeit ging Judas durch diese Welt", schrieb bereits im 2. Jahrhundert Papias von Hierapolis. "Von seinem ganzen Körper floss Eiter herab neben Würmern, die ihn schon bei den natürlichsten Bedürfnissen quälten."

Unzählige Bücher wurden seither über Judas verfasst, Bilder stellten ihn als hässlichen Buckligen dar. In Dantes Versepos "Die göttliche Komödie" nimmt Luzifer die Gestalt eines dreiköpfigen, sechsäugigen, ekelhaft triefenden und Blut spuckenden Ungeheuers an, um die Judas-Seele zu zermalmen.

Auf dem berühmten Fresko-Gemälde von Giovanni Canavesio, gemalt im Jahr 1492 für eine Kapelle bei La Brigue, erhängt sich Judas an einem Baum, Augen und Mund sind weit aufgerissen, die Haare zottelig. Ein geschwänztes, ziegenbockartig gehörntes Teufelstier reißt ihm die Seele, dargestellt als menschenähnlicher Winzling, aus dem aufgeplatzten Bauch, dessen Gedärme und Organe sich über das ärmliche Gewand des Schurken ergießen.

Im Mittelalter gewann die Gestalt auch antisemitische Züge. Judas, der Jude, hatte den Messias verraten. Er galt als derjenige, der abseits stand, der Störrische, der das Heilshandeln Christi ablehnte und den Herrn töten wollte.

Antipode des Guten nannten Kirchendenker den Verräter, er sei Ausdruck menschlicher Schwäche und Verführbarkeit. "Judas ist kein Sonderfall. Er ist unser aller Fall", dozierte der Berliner Theologe Helmut Gollwitzer.

Für Heinrich Heine wiederum wird - eine sehr aktuell erscheinende Deutung - der biblische Schurke zum Prototyp des Bankers. Nicht umsonst sei es gerade der Kassenwart der Jünger, "der Groschenwechsler", gewesen, der den Heiland verriet. "Die Gewohnheit der Geldgeschäfte hat ihn abgestumpft", meint Heine und fährt fort: "So hat das Evangelium auch symbolisch, in der Geschichte des Bankiers unter den Aposteln, die unheimliche Verführungsmacht, die im Geldsacke lauert, offenbart und vor der Treulosigkeit der Geldgeschäftsleute gewarnt. Jeder Reiche ist ein Judas Iskariot."

In wie vielen Varianten trat die Schurkenfigur schon auf - und nun dieser Papyrus. Radikal deutet die bröckelige Handschrift die Kreuzigung um. Die uralte Urkunde gibt eine völlig neue Sicht frei auf den Gottesverrat.

"Der geheime Bericht von der Offenbarung, in dem Jesus mit Judas Iskariot gesprochen hat an acht Tagen" - so hebt der Text an. Er handelt davon, wie Jesus seinen Liebling in den Kern seiner Botschaft einweist.

Anfangs scheint die Szenerie noch vertraut. Die zwölf Jünger sitzen beim Abendmahl und üben sich in "Frömmigkeit". Dann tritt Jesus hinzu.

Doch was tut der Heiland? Er lacht höhnisch, verspottet die Apostel als töricht. Sie können seinen Anblick nicht ertragen und müssen sich abwenden.

Einzig Judas hält dem überirdischen Glanz stand, der den Messias umstrahlt - wenn auch mit gesenktem Blick. Nur er erkennt den Herrn und dessen wahre göttliche Abkunft. Er ist der Freund des Erlösers, der ihn in die "überweltlichen Geheimnisse" einweiht.

Schließlich folgt das Ungeheuerliche: Jesus bittet seinen Liebling, ihn zu verraten. Er will zurück in die "himmlische Heimat", um sein Schicksal zu vollenden. Auf zur Kreuzigung! "Man wird dich dafür hassen", sagt Christus.

Der Text stellt damit die katholische Heilslehre buchstäblich auf den Kopf. In jeder seiner Zeilen lodert Zorn. "Noch nie haben wir einen so provokanten Text aus dem Frühchristentum entdeckt", staunt der Berliner Neutestamentler Uwe-Karsten Plisch.

Wer schrieb dieses Machwerk? Wer wagte es, den Erzhalunken der Bibel, den Paria, zum besten Kumpel Jesu umzudeuten?

Derlei Fragen ließen sich bislang kaum beantworten. Denn lange zirkulierte der mysteriöse Papyrus, den ein ägyptischer Bauer in den siebziger Jahren entdeckt hatte, nur im kriminellen Antikenhandel. Schieber schleppten ihn über drei Kontinente.

Er war in den Händen von Ganoven und lag ungeschützt in Bankschließfächern. Als er schließlich wieder auftauchte, sah er aus wie Blätterteig.

Fünf Jahre brauchten die Restauratoren, um in Zusammenarbeit mit Europas bestem Koptologen, dem Schweizer Rodolphe Kasser, 82, das zerfledderte Buch, das noch vier weitere spannende Ur-Texte enthält, wieder zu ordnen. Das Team spricht von einem "furchtbaren Schadenszustand" (siehe Grafik Seite 114).

Erschütternd ist das Bild, das sich den Forschern in Genf bietet: Große Löcher klaffen in den Blättern. Etwa 15 Prozent der Handschrift fehlen, rund ein Drittel des Berichts ist deshalb unleserlich.

Doch nun nimmt der Krimi um die Ketzerbibel eine neue spannende Wendung: Nach langem Rechtsstreit ist es dem Basler Rechtsanwalt Mario Roberty gelungen, die fehlenden Fragmente über Judas durch richterlichen Beschluss aus einem Versteck in den USA heimzuholen.

Derzeit liegen die kostbaren Fetzen im Safe Nummer 26 der Huntington National Bank in Cleveland - fertig für den Transport nach Europa.

Als die Kunde von der Rückkehr der Papyri in den vergangenen Tagen in der Bibelzunft die Runde machte, war die Freude groß.

"Der Fund ist von zentraler Bedeutung", meint der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Christoph Markschies. Plisch nennt die nun anstehende Wiedervereinigung der Fragmente "wunderbar".

Auch der - von den Schiebern gezielt verheimlichte - Fundort ist inzwischen bekannt: Der Kodex stammt aus Karara in Mittelägypten. Am Dorfrand erstreckt sich ein riesiger koptischer Friedhof. Raubgräber haben ihn durchwühlt. Trotzdem fanden Archäologen noch Holzsärge, bunte Tuniken und umwickelte Leichen.

Es sind womöglich die sterblichen Überreste jener Abweichler, die den Übeltäter der Heiligen Schrift verehrten und eine Umwertung der christlichen Werte betrieben.

Die Schweizerin Béatrice Huber, die in dem Wüstenort arbeitet, sucht die Region derzeit gezielt nach Spuren ab. Vergangenen Montag erhielt sie einen Tipp, wo die Diebe den Papyrus einst entdeckten. Ein Einheimischer führte sie zu einer Felskammer im Norden. Der Raum war hüfthoch mit Sand zugeweht.

Noch stehen die Recherchen am Wirkungsort der Judas-Sekte ganz am Anfang. Aber Hoffnung besteht, dass es erstmals möglich sein wird, das soziale Umfeld von Häretikern aus der Zeit des Frühchristentums auszuleuchten.

Zudem gibt es neue Details zum Geschacher um die Handschrift vor. Über 30 Jahre lang kursierte der Kodex im Untergrund. Dem SPIEGEL liegen interne Briefwechsel vor und die Namen von Drahtziehern.

Vor allem das letzte Glied der dubiosen Händlerkette, Bruce Ferrini, ein Dealer für "rare books" aus Akron, US-Bundesstaat Ohio, hat die Ware schlimm misshandelt. Der ehemalige Opernsänger, Sohn eines Italieners und einer Sioux-Indianerin, zerriss das uralte Buch, verstaute die Blätter dann im Tiefkühlfach. "Der Mann hatte panische Angst vor Würmern, Larven und Ungeziefer", erklärt Roberty.

Ergebnis der Frostaktion: Die Papyrusfasern verloren ihre Feuchtigkeit, die Tinte rollte sich stellenweise zu Krümeln.

Entsprechend schäbig sehen die nun zurückkehrenden letzten zehn Prozent des Wüstenfunds aus. Aufgespürt wurden sie im Pumpenraum des Swimmingpools von Ferrinis Villa. Aus einem Schriftwechsel geht hervor, dass der Händler versuchte, seinen Schatz für fünf Millionen Dollar an die japanische Firma Yushodo Co. Ltd. zu verkaufen.

Immerhin: Jetzt scheint das meiste wieder da zu sein. Das Zusammensetzen des Judas-Puzzles läuft auf Hochtouren. Der Forscher Wurst hat bereits digitale Fotos von den neuen Bruchstücken erhalten. Ende März fand eine erste Arbeitssitzung in Genf statt.

Mit weißen Handschuhen saßen die Experten vor dem Original und versuchten, die neuen Fetzen elektronisch einzupassen. Schon in den nächsten Wochen wollen sie so die klaffenden Lücken in der Schrift schließen. Sie handelt von "Hurerei", "Äonen des Lichts" und dem "Geheimnis des Verrats".

Dass es Judas wirklich gab, scheint durchaus plausibel. Vielleicht stammte der Mann aus einem Ort namens Kariot in Israel. Der Bibel zufolge hütete er die Kasse der Jünger. In Jerusalem soll er einen Acker besessen haben.

Auch die dramatische Gefangennahme Jesu könnte sich durchaus so zugetragen haben, wie es die Bibel erzählt. Die Häscher kamen demnach nachts. Es war der Vorabend des Passafests.

Zu dieser Feier war halb Palästina auf den Beinen. In Massen strömten die Pilger nach Jerusalem. Die Sicherheitslage war angespannt. Eine nervöse Atmosphäre lag über der Stadt. Jesus, erst seit wenigen Tagen vor Ort, hatte bereits im Tempel randaliert und Wechslertische umgeschmissen.

"Der Aufrührer sollte stillschweigend verhaftet werden", vermutet der Neutestamentler Ehrman. Beim Zugriff waren nur die Jünger zugegen, aber keine Volksmenge. Judas hatte den Soldaten offenbar einen günstigen Zeitpunkt genannt.

Und doch verschwimmt die Gestalt des Erzverräters. Über 20-mal wird er in der Bibel erwähnt, jedes Mal wirkt er dämonischer.

Anfangs, bei Markus, der um 70 nach Christus als Erster seine Version der Passionsgeschichte erzählte, kommt er noch recht schlicht daher. Ein Motiv für den Verrat wird nicht genannt. Judas fordert keinen Lohn für seine Tat, und er begeht danach auch keinen Selbstmord.

Matthäus malt das Komplott schon dramatischer aus. Bei ihm ist es das Geld, das den Spion antreibt. Auch hier wird geschildert, dass er den Herrn küsste - als Zeichen für den Zugriff. Nach der Kreuzigung bereut der Informant sein Tun. Er will das Blutgeld an die Hohepriester zurückgeben. Doch die lehnen ab. Er erhängt sich.

Bei Johannes schließlich ist die Szene ins Satanische überhöht. Hier bedient sich Judas schon vorher aus der Gemeinschaftskasse der Jünger. Er ist vom Teufel verführt, ein Verdammter, der im Auftrag böser Mächte agiert.

Doch verrät all das etwas über die historische Figur des abtrünnigen Jüngers?

Später wurden immer wieder von verschiedenen Autoren angebliche biografische Details nachgereicht. In der "Legenda aurea" etwa, einer lateinischen Legendensammlung aus dem 13. Jahrhundert, wird der böse Charakter des Judas als Resultat einer familiären Verstrickung dargestellt.

Von den Eltern sei der frisch geborene Sohn wegen eines unheilschwangeren Traums in einem Binsenkorb auf dem Meer ausgesetzt worden. Die Königin einer Insel entdeckte den Gestrandeten und adoptierte den Findling. Als Jüngling begegnet Judas dann seinem Vater, erschlägt ihn unwissend und vermählt sich mit der eigenen Mutter - eine unverkennbare Anleihe vom Ödipus-Mythos.

Über den Mann, der sich hinter dem Antihelden verbirgt, verschafft eine solche Homestory allerdings genauso wenig Klarheit wie der jetzt entdeckte Papyrus. Denn die Handschrift wurde um 150 nach Christus, lange nach dem Tod des Verräters, verfasst. Sie ist "pseudoepigrafisch".

Anders gesagt: Der Verfasser benutzte den biblischen Bösewicht, um ihn den eigenen ideologischen Zielen untertan zu machen.

Unstrittig aber ist, dass hier ein neues Schlüsseldokument aus der Zeit der Frühchristen vorliegt. Geschrieben wurde es von Setianern, einer Sekte, die Set, den dritten Sohn Adams und Evas, als ihren Stammvater ansah und sich als ein Bund von Auserwählten verstand.

Nur glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass dieses Schrift-Juwel aller Verfemung zum Trotz fast zwei Jahrtausende überdauerte. Nun wirft es ein Schlaglicht auf die Pionierzeit des Kreuzesglaubens, die noch immer von Nebel umhüllt ist.

Aus der Zeit des 1. und 2. Jahrhunderts, als es weder Kirchenbauten noch Päpste gab, liegen kaum Dokumente vor.

Im römischen Schrifttum tauchen die Frühchristen als "lichtscheue Gesellschaft" auf: "stumm in der Öffentlichkeit, geschwätzig in Winkeln". Schnell bildeten sie Tochterzellen in Syrien, Kleinasien und Ägypten.

Doch sie schrieben kaum etwas auf. Die Grüppchen fanden sich in Erwartung des nahen Weltendes zusammen. Eine schriftliche Fixierung des Glaubens schien da nicht nötig zu sein.

Erst als die Apokalypse ausblieb, drängten sich organisatorische Fragen auf. Die Gemeinden wählten Priester und Bischöfe. Riten wie die Taufe und das Abendmahl wurden ausgeformt. Bereits um 100 nach Christus lagen die vier kanonischen Evangelien vor (siehe Zeitleiste Seite 112). Und auch deren Verfasser kannten den Erzschurken Judas nur noch vom Hörensagen.

Drei Jahrhunderte nach dem Tod des Messias hatte sich die Kirche dann auf die geistigen Pfeiler ihrer aufsprießenden Religion verständigt: 325 nach Christus in Nicäa formulierten sie ein einheitliches Bekenntnis, das für die Gläubigen von Britannien bis zum Roten Meer verbindlich wurde.

Doch so glatt, wie der Klerus es später gern darstellte, lief die Entwicklung keineswegs. Die Kirche wurde von heftigen Flügelkämpfen erschüttert. "Chaotisch, aber energiegeladen" nennt der US-Autor Herb Krosney die ersten Jesus-Anhänger: "Sie waren nahezu unbezähmbar."

Hunderte Splittergruppen stritten sich damals um das geistige Erbe des Erlösers. Sie erfanden eigene Evangelien, setzten geschwindelte Hirtenbriefe in Umlauf. In einem ihrer Berichte vollzog Jesus gar einen Geschlechtsakt.

Der Ur-Theologe Epiphanius erzählt, dass die Sekte der Stratiotiker Monatsfluss trank und dazu verkündete: "Dies ist das Blut Christi."

Wie geschaffen für eine solche Umdeutung durch rebellische Sekten war besonders die zwielichtige Figur des Judas, der von ihnen vom Heilsverächter zum Heilsbringer aufgewertet wurde.

Erst später schnitt das Papsttum solch verwirrende Seitentriebe der Weltreligion zurück. Abseitiges wurde verfemt und durch Bannsprüche geächtet. Oder es geriet durch mangelnde Papierzuteilung an die mönchischen Abschreiber schlicht in Vergessenheit. Auch der Kult um Judas wurde so mundtot gemacht.

Erst unter dem Spaten der Archäologen kommen die Tumulte der Frühzeit nun wieder ans Licht. In Grabhöhlen koptischer Mönche, aber auch in abgelegenen Klöstern entdeckten sie "Apokryphen". Es sind verborgene Schriften, denen man den Eingang in die Bibel verwehrte.

Über 30 solcher verfemten Texte sind mittlerweile bekannt. Es ist eine Art Giftschrank der christlichen Religion.

Vor allem eine Partei trat bei den Kämpfen um die reine Lehre hervor und machte der sich langsam bildenden Frühkirche in Rom den Führungsanspruch streitig. Es waren die Anhänger der Gnosis (griechisch für: Erkenntnis).

Scharfsinnige Denker gehörten dieser Bewegung an, die sich bald ihrerseits in Hunderte esoterischer Zirkel auffächerte. Aus dieser Schule stammt das Judasevangelium.

Eindrucksvoll bezeugt ist das Denken in Gegensätzen, das so typisch für die gnostischen Christen war. Das Diesseits galt ihnen als elend und schmutzig. Den Schöpfergott des Alten Testaments lehnten sie rundweg ab. Für sie war er nur ein niederer Demiurg, der eine schlechte Welt erschaffen hatte.

Gern sprachen die Gnostiker vom "stinkenden Körper". Der menschliche Leib sei "das Gewebe der Unwissenheit, der Grund der Bosheit, die Fessel des Verderbens, das mit dir herumgetragene Grab, der Räuber in dir", heißt es in einer ihrer Schriften.

Dem irdischen Jammer stellte die Gruppe ein fernes Reich entgegen, in dem der wahre, barmherzige Christengott herrschte. Es war voller Licht und gefüllt mit jauchzenden Engeln.

Auch angesichts der quälendsten Frage, die viele der Ur-Christen umtrieb, wussten sie Rat: Warum nur musste Jesus so qualvoll am Kreuz sterben? Antwort der Gnostiker: Christus besaß nur einen Scheinleib. Sein Körper war eine Hülle. Folglich litt er gar nicht.

Tränenreiche Kreuzbeweinungen hielten diese Leute deshalb für überflüssig. Auch das Abendmahl lehnten sie vehement ab.Den Gnostikern ging es darum, das Gefängnis des Körpers zu verlassen. Ihr Ziel war es, sich im Geiste in den obersten Kosmos zu heben.

Von solch einer mentalen Fahrt ins Jenseits erzählt auch das Judasevangelium. Jesus ist hier ein Magier, der seinen Lieblingsjünger Judas den Aufstieg ins ferne Lichtreich lehrt.

"Ich belehre dich über Geheimnisse, die noch kein Mensch gesehen hat", sagt der Messias. Dann spricht er von "72 Himmeln" und einem "unzählbaren Heer von Engeln". Dorthin will nun auch Judas gelangen.

Derlei Geschwurbel ist typisch für die Gnostik. Ständig ging es um Erwählung und Erleuchtung. "Wir sind die Menschen, die anderen sind alle Schweine und Hunde", so einer der Anführer.

Wo die Wurzeln dieser Lichtbewegung liegen, ist unbekannt. Viele halten "Simon den Magier" für ihren Pionier. Die Apostelgeschichte erzählt, dass dieser Wanderprediger - etwa um 60 nach Christus - in Samaria tätig war. Im Schlepp hatte er eine Ex-Prostituierte, die er aus einem Bordell befreit hatte.

Schnell griff die Strömung auf Ägypten über. "Am Nil geriet das Christentum in ein unkontrollierbares Gewirr geheimer Gesellschaften der gnostischen Sekten", meint der US-Historiker Morton Smith.

Besonders im lärmenden Alexandria, diesem Moloch aus Hunderten Tempeln, Bibliotheken und endlosen Basaren, über denen sich der majestätisch große Leuchtturm erhob, hockten jene Quertreiber des Kreuzes zusammen, die dem Klerus in Rom bald einen erbitterten Kampf lieferten.

Aus Sicht der Orthodoxen gedieh dort das reine Natterngezücht. Einige der Splittergruppen verehrten Sodom und Gomorra, oder sie lobten Korach, einen Aufrührer gegen Mose. Die Sekte der "Kainiten" benannte sich nach dem Brudermörder, andere beteten die Schlange an, deren Versuchung Eva im Paradies erlegen war.

Die Idee dahinter: Weil die Truppe den biblischen Schöpfergott verachtete, stiegen dessen alttestamentliche Widersacher bei ihnen zu Helden auf.

Genau dieser Logik folgt auch das heilige Judasbuch: In typisch gnostischer Manier der "Protest-Exegese" wagt sein Verfasser diesmal sogar, die "niederträchtigste Gestalt des Neuen Testaments" (Wurst) zur Leitfigur zu machen. "Schon der Name des Evangeliums war der schiere Skandal", meint der US-Experte Marvin Meyer.

Der Autor des Ketzer-Berichts knüpft dabei an Zweifel an, die auch die Rechtgläubigen plagten:

Wieso wusste Jesus nichts von dem Verrat seines Jüngers? Wie konnte ein Sohn Gottes arglos in die Falle tappen?

Um derlei Zweifel zu zerstreuen, versuchten schon die Evangelisten der Bibel, Jesus aus der Rolle des unwissenden Opfers herauszuholen.

Anfangs, bei Markus, ahnt Jesus das kommende Unheil bereits: "Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten." Bei Johannes durchschaut er den Plan schon genauer - und weiß auch, wer ihm in den Rücken fallen wird. Während des letzten Abendmahls fordert er Judas auf: "Was du tun willst, das tu bald."

Als die Schergen der Hohepriester schließlich heranstürzen und den Prediger aus Nazaret sehen, schrecken sie zurück und fallen ehrfürchtig auf den Boden. Jesus selbst muss ihnen erklären, wen sie ergreifen sollen: "Ich bin es."

Das Judasevangelium treibt diese Umdeutung auf die Spitze: Der Messias durchschaut hier nicht nur das Komplott, er ersehnt es sogar, um endlich die verderbte Welt verlassen und seinen göttlichen Auftrag erfüllen zu können.

"Du bist aus dem unsterblichen Himmelskreis der Barbelo", spricht Judas zum Herrn und erweist sich damit als der Einzige, der die wahre Identität des Heilands erkennt. Der Verrat wird zur Erlösung: "Judas ermöglicht, dass Jesu Leib geopfert und sein Geist freigesetzt werden kann", erklärt der amerikanische Forscher Ehrman.

Für diesen Dienst lobt der Herr seinen Favoriten ausdrücklich: "Du wirst sie alle übertreffen. Denn du wirst den Menschen opfern, der mich kleidet."

Fast könnte es scheinen, als nähmen die gnostischen Mystiker damit eine Sicht der Judas-Figur vorweg, wie sie mehr als anderthalb Jahrtausende später im Zuge der Aufklärung wieder auftaucht. Denn auch hier wird aus der Inkarnation des Teufels plötzlich ein sehr menschlicher Akteur, dem es vor allem darum geht, den Auftrag des Messias zu vollenden - wenngleich er diesen auf seine eigene Weise versteht.

Friedrich Gottlieb Klopstock etwa präsentiert in seinem Vers-Epos "Der Messias" den Judas als einen jungen, ungeduldigen Mann, der an eine irdische Herrschaft des Messias glaubt. Mit dem Verrat will er Jesus zwingen, seine wahre Herrlichkeit zu offenbaren und den Auftrag zu erfüllen, König der Juden zu sein. Dieser Judas glaubt mehr an Jesus als dieser an sich selbst.

Und auch Goethe plante ein größeres Werk über Ahasver, den "ewigen Juden", in dem Judas als enttäuschter Patriot auftreten sollte. In "Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit" kommt Goethe auf dieses Projekt zurück: Er, Judas, sei nämlich "fest überzeugt gewesen, dass Christus sich als Regent und Volkshaupt erklären werde, und habe das bisher unüberwindliche Zaudern des Herrn mit Gewalt zur Tat nötigen wollen."

Wenn solche Gedanken schon Goethes Zeitgenossen lästerlich scheinen konnten, um wie viel mehr musste dann eine Verherrlichung des Judas den Zorn der frühchristlichen Kleriker wecken. "In ihren Augen war das Ganze eine einzige Frechheit", erklärt der Apokryphenforscher Jens Schröter aus Leipzig.

Das wollte die Frühkirche in Rom nicht länger hinnehmen. Die besten Köpfe wurden ins Rennen geschickt, um die Himmels-Esoteriker und Judas-Fans, die sich überall im Römischen Reich breit machten, in die Schranken zu weisen.

Hätte die Zensurschere des Klerus all diesen Wildwuchs nicht zurückgestutzt, das Christentum wäre wärmer, bunter und netter geworden als all dieses kalte, orthodoxe Dogma, meint die US-Koptologin Elaine Pagels.

Doch es kam anders. Gleich der erste große Ketzerbekämpfer Irenäus (um 140 bis 200 nach Christus) wandte sich erbittert gegen die Vielzahl der Irrlehren. Er schrieb ein fünfbändiges Großwerk "Gegen die Häresien", in dem er Hunderte Sekten aufzählt. Die Judas-Schrift verflucht er als "erdachte Geschichte".

Vom römischen Lugdunum (Lyon) aus, prachtvoll am Ufer der Rhône gelegen, umgeben von Weinhängen, einem Ort mit Amphitheatern und dem einst modernsten Trinkwassersystem aus kilometerlangen Bleirohren, nahm der Vollstrecker die Arbeit auf.

Doch die Feinde ließen sich nicht so leicht einschüchtern. Hemmungslos erfanden sie immer neue getürkte Apokalypsen und Sonderoffenbarungen. Sogar ein Zwillingsbruder Jesu, der angeblich in Indien lebte, wurde von ihnen ersonnen.

"Sie haben tausenderlei erdichtete Schriften", zürnte ein Ur-Bischof von Zypern. Plisch spricht von einer "Verwilderung" des Christentums.

Und der Ton nahm an Schärfe zu. Von einem "Abgrund des Unsinns und der Blasphemie gegen Gott" sprachen die Vertreter der reinen Lehre und geißelten das "alberne Geschwätz der Apokryphen".

Man habe damals ordentlich zugelangt, meint Markschies, schließlich sei es um zentrale Fragen "von Heil und ewiger Seligkeit" gegangen: "Da pflegt man sich auch heute nicht im Plauderton auszutauschen."

Durch die Judas-Schrift weht ebenfalls ein Hauch des Hasses. Als Wüstlinge und Verbrecher werden die Glaubensgegner verunglimpft: "Einige (von euch) schlafen mit Männern, andere morden."

Zugleich übt die Ketzerbibel heftige Kritik an den sich ausbildenden Riten der Kirche. Besonders das Errichten von Altären und die Darbietung von Opfern gelten ihr als lästerlich.

"Diener des Irrtums" werden die Apostel in der zerfetzten Handschrift genannt. Das Abendmahl vergleicht der Autor gar mit einer Zeremonie von Mördern. Genauso gut könne man "die eigenen Kinder und Frauen opfern".

Dazu Plisch: "Eine wüste Polemik, wie wir sie sonst nicht kennen."

Doch der Zorn der Parteien hatte offenbar mehr als nur religiöse Gründe. Im Glaubenskampf der Frühchristen prallten auch Lebenshaltungen aufeinander. Der "heiligen Zucht" der Orthodoxen stand das Lotterleben vieler Gnostiker entgegen, die von Triebkontrolle nichts wissen wollten.

Auf Seiten der Urkirche hatte Paulus die Richtung vorgegeben. Für ihn war der Körper ein "Todesleib" und der Mensch vom Nabel abwärts vom Teufel gemacht.

Obwohl Jesus selbst noch mit Dirnen verkehrt und gern üppig gespeist hatte - seine Gegner nennen ihn einen "Fresser und Weinsäufer" -, setzten viele seiner Nachfolger auf eine Ethik der Enthaltsamkeit.

Bald verkrochen sich die ersten Einsiedler in Wüstenklausen. Sie zelebrierten die Traurigkeit und beschäftigten sich mit düsteren Gedanken ans Jüngste Gericht. Der Mönch Schenute heulte im 5. Jahrhundert angeblich so ergiebig, dass die Erde unter ihm zum Mistbeet gedieh.

Regte sich die Geilheit, so betrommelten die Ur-Kleriker ihre Asketenbrust oder hängten sich Eisenringe ans Glied. Origenes, der die Frauen Satanstöchter nannte, entmannte sich selbst.

Die Gnostiker hingegen waren in Fragen der Lust untereinander zerstritten. Einige ihrer Gurus dachten ähnlich streng wie Paulus. Ja, sie übertrafen die Anhänger der römischen Kirche sogar noch mit dem Selbstgeißeln, lebten ungewaschen in Erdlöchern und aßen nur grünes Kraut.

Der Begriff "Mönch" taucht erstmals um 180 nach Christus auf - Ketzer hatten ihn in Umlauf gebracht.

Andere Sektierer aber zogen ganz andere Schlüsse. "Warum Entsagung statt Lust?", fragten ihre geistigen Führer und ließen den verderbten Körper einfach gewähren. "Sie sagen, wenn sie den Lüsten des Fleisches unmäßig dienen, dass sie, was des Fleisches ist, dem Fleisch, und was des Geistes, dem Geist wiedergeben", heißt es in einem Kirchentext aus dem 2. Jahrhundert.

Zu diesem Kreis gehörten wahrscheinlich auch die Judas-Jünger. "Sündhafte und schimpfliche Taten" warf ihnen ein Ur-Bischof vor, "sie handeln verwegen und unrein".

Wiederum war es Ägypten, das Land am Nil, wo sich die freizügigen Kreuzes-Anhänger besonders schnell ausbreiteten. Einer ihrer Anführer, Karpokrates, predigte um 125 nach Christus in Alexandria freie Liebe und Kommunismus. Alte Quellen werfen ihm "große Zügellosigkeit, Güter- und Weibergemeinschaft" vor.

Einen Ritus schildert der Kirchenvater Epiphanius ziemlich genau: "Bei dem Handreichen, natürlich zum Gruß, berühren sie die Handfläche von unten her kitzelnd", berichtet er. Es folge maßlose Schlemmerei, zum Abschluss würden die Frauen getauscht: "Der Beischlaf findet bei ihnen kein Ende."

Allerdings nur bis zum Coitus interruptus. Dem bösen Schöpfergott wollten die Sektierer nicht in die Hände spielen.

Stattdessen, so berichtet Epiphanius, "nehmen sie den Ausfluss des Mannes in ihre eigenen Hände", den Samen brächten sie sodann "dem Himmel dar". Zu dieser Zeremonie hätten die Esoteriker gemurmelt: "Dies ist der Leib Christi, um dessentwillen unsere Leiber leiden."

Lange haben die Forscher solche Berichte als Teil einer Rufmordkampagne abgetan, mit der die Feinde der Kirche verhöhnt werden sollten. Inzwischen aber sind die Forscher vorsichtiger geworden: Könnte nicht doch ein wahrer Kern in solchen Berichten stecken?

Der Fund des berüchtigten Judasevangeliums jedenfalls zeigt nun: Was die Kirchenväter über diese verfemte Schrift berichteten, trifft ihren Inhalt erstaunlich genau.

Und noch ein weiteres, besonders heikles Manuskript aus der Frühzeit des Christentums lässt die Forscher derzeit grübeln. Es handelt sich um einen 1800 Jahre alten Brief, dessen Abschrift im Kloster Mar Saba bei Betlehem gefunden wurde.

Bei dem Dokument handelt es sich um einen Brief des Bischofs Clemens von Alexandria, der um 150 nach Christus geboren wurde. Er erzählt darin eine erstaunliche Geschichte über die Entstehung des ältesten aller Evangelien.

Durch die heftige Christenverfolgung vertrieben, floh dessen Verfasser Markus demnach um 65 nach Christus aus Rom und rettete sich nach Alexandria. Seinen bereits fertiggestellten Passionsbericht hatte er mit im Gepäck. Diesen habe er sodann am Nil um zwei geheime Abschnitte erweitert, die nur für die Ohren von "Auserwählten" bestimmt waren.

Beide Zusätze drehen sich um einen Jüngling, den Jesus von den Toten erweckt und der ihn daraufhin "lieb gewinnt". Sechs Tage später "kam der Jüngling zu ihm, bekleidet mit einem Leinengewand auf dem nackten Körper, und blieb bei ihm die ganze Nacht".

Die Szene ist typisch für die gnostische Tradition: Der Magier nimmt seinen Schüler oder Täufling mit ins überirdische Lichtreich. Als der Augsburger Alttestamentler Jürgen Werlitz diese Passage las, fragte er: "War der Messias homosexuell?"

Der Briefschreiber schildert zudem, dass es noch eine dritte Version des Markus-Buchs gegeben habe. Verfasst vom berüchtigten Sexualapostel Karpokrates, habe dieser Bericht die Szenerie noch zugespitzt. Jesus sprach demnach "nackt mit einem Nackten".

Christus - ein antiker Magier, der homosexuelle Riten durchführte? Derlei Theorien werden von einigen Bibelforschern vertreten.

Auch das jetzt aufgetauchte Judasevangelium wartet mit einer engen Männerfreundschaft auf. Offen bleibt dabei allerdings, welcher Art die enge Beziehung zwischen Jesus und dem ihm liebsten seiner Jünger war.

Einzelne Psychoanalytiker zumindest vertreten die Meinung, dass das Verhältnis zwischen dem Verräter und dem Verratenen eine erotische Komponente habe. Dem US-Seelenforscher Sidney Tarachow etwa gilt Judas als inbrünstigster aller Anhänger, der von Jesus ausersehen wird, ihn zu töten, um die tiefste Verschmelzung zu erreichen.

Gleichwie: Das "verborgene Markusevangelium" macht deutlich, wie sehr die einzelnen Parteien in der ehrwürdigen Überlieferung herumfummelten.

Und auch die Rechtgläubigen tricksten eifrig mit. Sie verpassten dem frühesten Werk über Jesu Leben und Sterben einen neuen Schluss und hängten später noch eine Himmelfahrt hinten an.

Wo die Zensoren und Kontrollorgane saßen, die derlei Eingriffe vornahmen, ist nicht bekannt. Klar ist nur, dass bald sämtliche Traktate der Gnostiker auf der schwarzen Liste standen. Sie wurden ausgesondert, unterdrückt, verfemt.

Dass ihre schamloseste Handschrift über Judas all dieser Unbill widerstand, hält der Koptologe Kasser für ein "Wunder". "Solche Auferstehungen sind ganz selten."

Allerdings kam die bräunliche Schwarte nur schwer gerupft in der Neuzeit an. "Was 1600 Jahre Wüstenklima nicht schafften, haben die Händler in 30 Jahren hingekriegt", meint der Augsburger Wurst. "Manche Stellen des Papyrus sind zu Staub zerfallen."

Was für ein Schaden wurde da angerichtet! Als Bauern die Handschrift in den siebziger Jahren in Karara entdeckten, war sie um mindestens 20 Blätter dicker und in Leder gebunden. Zuerst geriet sie an den Dorflehrer Abu Johar, der sie nach Kairo verschob.

Der Aufkäufer Hanna Abdallah Arian, damals Mitte 40, saß zumeist in Cafés herum, rauchte Kette, spielte Backgammon und wartete darauf, dass ihm seine Helfer Antiquitäten zusteckten.

In seiner Wohnung in Heliopolis empfing der Händler Fachleute aus den USA und Europa, denen er bei Gemüse und gebratenen Täubchen römisches Geschmeide und Statuen aus der Pharaonenzeit feilbot.

Im Falle des Judas-Papyrus war ihm bewusst, dass er einen ganz besonderen Schatz in Händen hielt. Irgendein Professor hatte ihm wohl die Bedeutung der Handschrift gesteckt. Arian verlangte drei Millionen Dollar.

Angesichts dieser Summe gerieten die Verhandlungen ins Stocken. Zudem wurde das Schachern im Jahr 1980 schlagartig schwieriger. Die ägyptische Regierung hatte zu diesem Zeitpunkt ein Gesetz erlassen, das die Ausfuhr nicht registrierter Antiquitäten verbot.

Was dann passierte, ist bis heute völlig unklar. In der vor drei Jahren von "National Geographic" verbreiteten Version ging es so weiter: 1982 brachen Diebe bei dem Ägypter ein und stahlen das Judasevangelium. Verzweifelt wandte er sich an den Züricher Antiken-Geschäftsmann Nikolas Koutoulakis. Der fand den Dieb und zwang diesen zur Rückgabe der Beute.

Aber stimmt das? Koutoulakis gehörte lange Zeit zu den schillerndsten Figuren auf dem internationalen Antikenmarkt. Insider vermuten, dass irgendjemand den Diebstahl inszenierte, um das Ausfuhrverbot zu unterlaufen.

Jedenfalls reiste Arian im Sommer 1982 in den Kanton Genf, um die verschwundene Handschrift wieder in Empfang zu nehmen. Koutoulakis empfing ihn im Park seiner prachtvollen Villa an der Route de Florissant.

Danach erfolgte das erste hochkarätige Kundentreffen in einem Genfer Hotel. Als Interessenten waren amerikanische Experten angereist, darunter Ludwig Koenen, ein Papyrologe aus Michigan, und sein Kollege, der Alttestamentler David Noel Friedman.

"Drei schuhkartonartige Behältnisse lagen auf dem Bett", erinnert sich der heute an der Universität Münster tätige US-Koptologe Stephen Emmel, der damals ebenfalls dabei war. "Es war aufregend, diese Manuskripte zu sehen und sie zu berühren."

Heimlich machte Emmel sich auf dem Klo Notizen. Doch das Geschäft kam nicht zustande - man konnte sich nicht auf einen Preis einigen.

Also fuhr Arian - den Papyrus in Zeitungen eingewickelt - direkt in die USA. Aber auch dort wollte niemand die geforderte Summe zahlen. Am Ende schloss der Ägypter die Schrift in ein Schließfach der Citibank in Hicksville auf Long Island ein und fuhr zurück an den Nil.

16 Jahre vergingen - 16 feuchte Sommer an der US-Atlantikküste.

Erst dann kam wieder Bewegung in die Sache. Die Züricher Galeriebesitzerin Frieda Nussberger-Tchacos kriegte Wind von dem Schatz und wandte sich an Arian. "Ich habe den Schlüssel zum Tresor", lächelte der verschmitzt. Man wurde sich einig und fuhr gemeinsam in die Staaten.

Als die beiden das Schließfach öffneten, bot sich ihnen allerdings ein Anblick des Grauens. Es roch nach verrottetem Papyrus, die Seiten waren verklumpt und zerfielen beim Anfassen.

Am Ende zahlte Nussberger-Tchacos 200 000 Dollar. Ihr Versuch, den bröseligen Schatz an die Yale-Universität zu veräußern, misslang jedoch. Zwar rang der dortige Kurator ("Der Kodex ist phantastisch!") intern monatelang um Freigabe von Geldern. Doch die Rechtsabteilung der Hochschule lehnte ab.

So begann das haarsträubendste Kapitel der Geschichte, die Akte Ferrini.

Der Ex-Opernsänger zählte lange Zeit zu den ganz Großen im weltweiten Papyrushandel. Er dealte mit Schriftrollen aus Qumran und machte 1995 Schlagzeilen, als er einen emeritierten US-Professor verriet, der im Vatikan seltene Manuskriptseiten gestohlen hatte.

Doch dann sank sein Stern. Im Jahr 2005 ging Ferrini pleite und saß zeitweise in Haft. Konkursverwalter räumten sein Haus leer.

Fünf Jahre zuvor, zum Zeitpunkt des Judas-Geschachers, stand der Mann noch glänzend da.

Mit drei großen schwarzen Schachteln war Nussberger-Tchacos im Sommer 2000 in Akron, Ohio, aus dem Pendlerjet gestiegen. Ferrini holte sie in seinem Mercedes ab und fuhr zu seiner luxuriösen Villa. "Es sah nach Hollywood aus", erinnert sich die Besucherin.

Von all dem Glanz ließ sie sich blenden. Ferrini behauptete, der Computer-Milliar-

där Bill Gates gehöre zu seinen Kunden,

und stellte zwei Schecks über je 750 000 Dollar aus.

Die Schecks platzten. Trotzdem wollte der Ami das antike Schriftstück nicht wieder herausrücken.

Erst nach einer langen juristischen Auseinandersetzung gelang es, Ferrini das Judas-Buch wieder zu entwinden. Während dieser Zeit lag es im Frostfach. "Die Seiten waren lose; winzige Fragmente flogen umher", erinnert sich Nussberger-Tchacos an den Tag der Rückgabe. "Ich war gekränkt bis auf die Knochen."

Doch trotz aller Schäden gelang es der Besitzerin, den Papyrus für 1,5 Millionen Euro an die Schweizer Maecenas-Stiftung zur "Bewahrung und Erforschung antiker Kunst und Kultur" zu verkaufen, die auch die Restaurierung und wissenschaftliche Auswertung finanzierte. Bezahlt wurde das Ganze vor allem von der Zeitschrift "National Geographic", die sich damit die TV- und Presserechte erkaufte.

Viele rümpften über die Transaktion die Nase. Doch immerhin gelang es so, das Werk in die Pipelines der Wissenschaft einzuspeisen.

Dass Ferrini eine Reihe von Fragmenten zurückhielt und in seiner Villa versteckte, wusste damals noch niemand.

Erst als die Konkursverwalter nach dem Bankrott das Haus nach Wertsachen durchsuchten, kamen die Blätter wieder zum Vorschein. Diese sind nun nach einem gerichtlichen Vergleich in Höhe von 50 000 Dollar wieder auf dem Weg in die Schweiz.

Nach genau 32 Jahren ist das Judasevangelium damit nun wieder da, zerfleddert zwar, aber fast vollständig. Der Forschung steht ein kompliziertes semantisches Puzzle bevor.

Hunderte bräunliche Fetzen breiten sich vor dem Kirchengeschichtler Wurst aus. Sie alle muss er zu Wörtern und Sätzen zusammenfügen, in denen es um Engel geht, um blutrünstige Monster und eine mysteriöse "große Vision".

Es sind Worte jenes fürchterlichen Kassenwarts, Erzschelms und biblischen Verräters Judas Iskariot, dessen Evangelium selbst in die Hand von Verrätern geriet und nun - endlich - Licht wirft auf die turbulenten Ursprünge der Christenheit.

MATHIAS SCHREIBER, MATTHIAS SCHULZ

* Mit der Schweizer Konservatorin Florence Darbre in Genf. * Gemälde des katalanischen Künstlers Jaume Serra, Ende des 14. Jahrhunderts.
DER SPIEGEL 16/2009
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