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DER SPIEGEL 21/2009 vom 18.05.2009, Seite 126

Autor: Hilmar Schmundt

FOTOGRAFIE

Schwärzeste Kunst

Bislang galt der Handabzug aus der Dunkelkammer als Goldstandard für Fotosammler. Nun tritt eine neue Drucktechnik mit bisher nie dagewesener Qualität an, den Kunstmarkt umzukrempeln.

Jim Rakete steht vor einem Foto und staunt, als sähe er zum ersten Mal ein Lichtbild.

Ganz nah beugt sich der weißhaarige Fotograf über das Porträt des Schauspielers Jürgen Vogel, als wollte er es küssen. Dann flüstert er: "Diese Durchzeichnung, diese Schatten, und hier, man kann jedes Härchen sehen, jedes einzelne."

Über hundert Porträts von deutschen Schauspielern, Politikern und Musikern hat Rakete aufgenommen mit seiner alten Linhof-Plattenkamera, "einem Getüm", wie er es nennt. Viele hundert Male schon hat er die Bilder betrachtet - und doch sieht er nun Härchen, die er nie zuvor gesehen hat.

Bisher hat Rakete seine Abzüge in seiner Dunkelkammer in Berlin gefertigt. Im roten Schein einer Lampe wartete er geduldig, bis auf dem weißen Papier im Entwicklerbad die Gesichtszüge der Porträtierten erschienen, erst grau, dann immer dunkler. Er belichtete zu helle Partien nach und wedelte dort, wo es zu dunkel wurde, fingerfertig wie ein Maler.

Nun aber hat Rakete eine neue Art Dunkelkammer zur Verfügung: Er steht am Steuerpult einer riesigen Druckmaschine, lang wie ein Eisenbahnwaggon, laut wie eine Diesellok, untergebracht in einer Werkhalle der Druckerei Benatzky in einem Gewerbegebiet im Norden von Hannover. Sie ist eine der modernsten Maschinen ihrer Art, hergestellt vom Weltmarktführer Heidelberger Druckmaschinen AG. Kostenpunkt: rund drei Millionen Euro.

"Plötzlich sehe ich meine eigenen Fotos in völlig neuem Licht", sagt Rakete. "Das ist fast wie eine Psychoanalyse."

Sein Fototherapeut heißt Dieter Kirchner, ein massiger Mittsechziger mit dem Profil eines Karl Marx. Er steht neben Rakete und peilt kritisch über seine Fernbrille, misst die Grauwerte und murmelt in seinen rauchvergilbten Bart: "Das kriegen wir noch knackiger hin." Skia Photography nennt er die neue Methode etwas gespreizt. Frei übersetzt: Licht-Dunkel-Schrift.

Viele berühmte Fotografen vertrauten schon lange auf seine Druckkunst, darunter Helmut Newton, Bernd und Hilla Becher, Konrad R. Müller, Manfred Hamm.

Nun hat Kirchner eine neue Technik entwickelt, die alles, was er bislang gemacht hat, buchstäblich in den Schatten stellen soll. Er sucht nach den sanftesten Spitzlichtern, den feinsten Grauzeichnungen - und nach dem schwärzesten Schwarz.

Im Laufe dieses Monats sind die ersten neuen Kirchner-Drucke in Ausstellungen zu sehen*. Mitte Juni ist er mit Prints von Dieter Appelt auf der Art Basel vertreten, der weltweit bedeutendsten Kunstmesse.

Um Kirchners schwarze Kunst schart sich ein exklusiver Fanclub des Lichtbildungsbürgertums. "Die Skia Photography könnte den Sammlermarkt umkrempeln", prophezeit der Medienhistoriker Hubertus von Amelunxen.

Kirchner will einen neuen Goldstandard für Fotos einführen. Rein qualitativ könnte er den Vintage Print vom Thron stoßen: teure Handabzüge, in limitierter Auflage oft viele tausend Euro wert. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten, denn Sammler lieben oft gerade den kleinen Makel, weil er die Aura des Originals erhöht.

Kirchners Grundidee ist trügerisch einfach. Er druckt direkt vom Negativ und umgeht damit die Schwachstelle der herkömmlichen Fotografie: den Papierabzug. Die winzigen Silberkörnchen des Fotopapiers nämlich erscheinen nicht annähernd so dunkel wie Druckerschwärze. Zudem reflektiert in der Dunkelkammer das Fotopapier. Das Licht vermatscht die Details.

Daher umgeht Kirchner die Dunkelkammer und scannt die Negative direkt in seiner Werkstatt in der Hauptstraße im Berliner Stadtteil Schöneberg ein. Oft macht er fünf Durchgänge, um nach und nach Grauwerte und Tiefen einzufangen. Dann simuliert er am Mac mit einer Software den Härtegrad des Fotopapiers - und sogar den Entwickler. Für den Druck hat er eigene Farben entwickelt, die sich besonders fein abstufen lassen. Am Mischpult kann er jede Bildpartie einzeln ansteuern: Wenn ihm die Schatten absaufen, macht er sie selektiv heller, ohne den Rest zu verändern. Derlei ist in der Dunkelkammer in dieser Präzision unmöglich.

Vor ihm leuchten Dioden, auf Monitoren flackern Zustandsberichte. Wie der Kapitän eines Raumschiffs steht Kirchner am Schaltpult in Hannover. Dann hebt ein Ächzen und Klackern an, die Druckmaschine ruckelt, die Halle tost. Eine Flut von Bildern ergießt sich ins Auffangfach. Die Mindestauflage liegt bei rund hundert Stück. Masse ist Klasse. Auf einer Palette stapeln sich Tausende nur beinahe perfekter Prints - sie werden vernichtet. Daneben liegt ein schmaler Stoß aus erlesenen Bildern, die ausgestellt und verkauft werden sollen. Die Fotokunst tritt ein ins Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Wieder einmal.

"Die Versuchung ist groß, in die Massenproduktion zu gehen", sagt Manfred Hamm. Er ist durch akribisch-kühle Architekturfotos bekannt geworden. Seine limitierten Editionen bestehen oft aus nur drei Handabzügen. Nun könnte er den Kunstmarkt fluten, ohne Qualitätsverlust.

Im Gegenteil: "Diese Qualität bekomme ich in der Dunkelkammer beim besten Willen nicht hin", sagt Hamm und zeigt auf den Abzug eines seiner ikonischen Bilder: der alten Bibliothèque Nationale in Paris, dämmerhohe Kuppeln wölben sich über langen Lesepulten.

Hamm legt einen Dunkelkammerabzug auf Barytpapier neben dasselbe Motiv in einem Kalender, von Kirchner gedruckt. Wer nur das Silberbild sieht, findet es einwandfrei. Doch neben dem Kirchner-Druck wirkt es milchig und matschig.

Von Kirchners Technik verspricht er sich außerdem Haltbarkeit. "Viele Museen sind verzweifelt, weil ihnen in ihren Depots die wertvollen Handabzüge ausbleichen", sagt Hamm. Vor allem Farbfotos seien betroffen, die sogenannten C-Prints, sagt Kirchner. Seine Farbdrucke sollen angeblich lichtechter sein, weil die Pigmente stabiler sind als die Silberkörner auf Barytpapier.

"Die Wahrheit der Fotografie liegt im Schatten, nicht im Licht", sagt Kirchner am Bedienpult. Er inspiziert einen Druck mit dem Densitometer, misst die Tiefe des Schwarz: 2,8. "Der Kontrastumfang des menschlichen Auges liegt bei 3,0", sagt er. "Das will ich erreichen."

Kirchner peilt mit dem linken Auge über seine Brille, auf dem rechten ist er seit einer Infektion vor zehn Jahren blind. Dieses Handicap bremste ihn nicht, sondern spornte ihn an. Um weiterhin die Lust der räumlichen Tiefe zu erleben, setzt er auf ein noch schwärzeres Schwarz. Die Schattenpartien auf seinen Drucken wirken teils so plastisch, als könnte man mit dem Finger in sie hineinstupsen. Als Einäugiger will Kirchner der Welt helfen, besser zu sehen.

Der nächste Stopp auf seiner Dunkelbild-Tournee: Chicago. Auf der Druckmesse Print 09 will Kirchner im September gemeinsam mit Heidelberger ein neues Verfahren demonstrieren: wie sich die digitale Dunkelkammer per Internet bedienen lässt. Er könnte dann von seiner Werkstatt in Schöneberg aus irgendwo auf der Welt perfekte Prints anfertigen.

Sein Ideenreichtum scheint grenzenlos, aber patentiert hat er sein Verfahren nicht. Er will nicht schriftlich all seine Tricks offenbaren. Zwar überträgt er das fotografische Kunsthandwerk ins Zeitalter seiner industriellen Reproduzierbarkeit. Aber er gibt es ganz traditionell weiter, nach Sitte eines mittelalterlichen Familienbetriebs. Derzeit lernt er seinen Nachfolger an: seinen Sohn Jonas.

Die Druckmaschine stampft und donnert. Ein Kunstwerk nach dem anderen rauscht auf einen Stapel, eines so perfekt wie das andere. Jim Rakete ist begeistert. Kirchner geht mit seinem guten Auge ganz nah heran. Dann zückt er sein Densitometer, um die Dichte zu messen. Stolz verkündet er das Ergebnis: 3,0. HILMAR SCHMUNDT

* Galerie Schwarz, Greifswald; Galerie Kicken, Berlin; Stadtmuseum, München; Print Media Academy, Heidelberg (ab Juli).
DER SPIEGEL 21/2009
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