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DER SPIEGEL 25/2009 vom 15.06.2009, Seite 132

Autor: Nikolaus von Festenberg

PHILOSOPHIE

Erkenntnis und Tristesse

Jürgen Habermas wird achtzig. Eine ganze Studentengeneration versuchte, ihm aus den Untiefen technokratischer Ideologie auf die Höhen des herrschaftsfreien Diskurses zu folgen.

Der Ritus ruft, das Krisengezeter darf mal die Lautstärke dimmen, ein wichtiger Alter wird achtzig. Der Gratulationschor für Jürgen Habermas, die schlaue Eminenz der 68er-Revolte, übt sich schon vor dem Jubeltag an diesem Donnerstag in allen Tonlagen ein.

Der New Yorker Rechtsphilosoph Ronald Dworkin ruft Habermas in der neuesten "Zeit" zum "berühmtesten lebenden Philosophen der Welt" aus.

Die "FAZ" rätselt besorgt-andächtig, was wohl das Heben der Arme des anwesenden und ansonsten schweigenden Jubilars zu bedeuten gehabt habe, als eine zu seinen Ehren stattfindende Tagung der TH Zürich auf die Disputation von Habermas mit Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst, zu sprechen kam. "Gott ist kein Diskurspapst", beruhigt die Überschrift, als könnte nun auch im Himmel nach Kenntnissen in "kommunikativer Kompetenz", dem Steckenpferd des Philosophen, gefragt werden.

Karl-Heinz Bohrer, essayistischer Sympathisant einer ästhetisch radikalen Moderne, erlaubte sich im neuesten "Merkur", Habermas, dem strengen Durchdringer des kunterbunten Strukturalismus der französischen Meister- und Geisterdenker ("Der philosophische Diskurs der Moderne"), Korrekturen anzuempfehlen. Bohrer schafft es, sein Anliegen in der Musik von damals vorzutragen, in der Verschraubtheit einer Sprache, wie sie der Geehrte meistens seinen Lesern zumutet. Achtzig Jahre - der Habermas-Sound ist nicht tot.

Die Kritik, na klar, auch nicht. Sibylle Tönnies, Lehrbeauftragte der Universität Potsdam, übernahm im Deutschlandradio die Rolle der bösen Fee und erneuerte all die seit Jahren bekannten Schmähungen gegen Habermas. Die Diskurstheorie - nichts als leeres Stroh; die von Habermas gesuchte Verankerung des Wahrheitsbegriffs in der Sprache - naiv; seine politischen Interventionen, zum Beispiel die eines auf der Einmaligkeit der NS-Verbrechen bestehenden Wissenschaftlers im Historikerstreit der späten achtziger Jahre - für Tönnies nur Opportunismus: "Kein Thema, das der große Mann nicht angefasst hätte. Kein Standpunkt, den er nicht vertreten hätte."

Nicht nur Polemik gibt es gegen den großen Mann, auch eine gewisse Reserve ist erstaunlicherweise nicht selten. Da klingt etwas von der Enttäuschung über begrabene Ideale an. Der Name Habermas weckt Erinnerungen an geistige Höhenflüge, an geniale Definitionen und prägende Begriffe. Es war ein Lernen aus freiwilliger Leidenschaft, nicht aus dem Druck dessen, was im Studium Stoff war, ein Erleben von Erkenntnis. Und oft nachfolgender Tristesse, wenn man nicht verstand oder entdeckte, dass der Welt mit solcher Art Aufklärung letztlich nicht beizukommen ist.

Habermas gehört ins Zentrum, wenn sich eine Generation erinnert. Wer bin ich? Wer war ich? Selbstbefragung ist ja mehr als ein herbstliches Wort, das in evangelischen Akademien blüht und für die stillen Momente im Leben herhält. Immer wieder werden einem die Fotos von früher vor Augen gehalten, Bilder von der Anti-Schah-Demonstration, vom todbringenden Polizisten Kurras, diesem doppelt Falschen im Falschen, vom Deutschen Herbst. Und nicht nur man selbst wundert sich, auch die Kinder - es kommt tatsächlich selten vor - fragen: Das war also 68?

Dieses Räuber-und-Gendarm-Geschiebe, diese schwarzweiß verschatteten Ingrimmsgesichter, diese unerbittlich-hemdsärmelige Wärme, in der auf Vollversammlungen deutsche Studenten mit jüdischen Emigranten verschmolzen, als hätte es kein Auschwitz gegeben. Diese unbeirrbare Protestentschlossenheit mit Humoranwandlungen: "Bürger, lasst das Gaffen sein, kommt herunter, reiht euch ein. Lasst den Kuchen, lasst die Sahne, kommt und folgt der roten Fahne."

Aber martialische Bilder sagen nicht die ganze Wahrheit, vor allem nicht die innere Wahrheit, die die Zeitzeugen von damals befähigte, sich selbst als Generation des Übergangs zu beobachten. 68 war kein Pop, keine voraussetzungslose Selbstinszenierung, sondern eine Art vielbändiger Bildungsroman. Das 68er-Leben bestand auch aus Büchern, die heute zerfranst, zerlesen, zwischen Einbänden verblasst in den Regalecken der 60-Jährigen stehen. Da, wo die blauen Marx-Engels-Ziegel modern, die Psycho-Sexbücher dämmern, Hegel den ewigen Schlaf hält.

Wirklich studiert - mit Bleistift übereifrig unterstrichen, Zeugnis höchster Verständnisqual - wurden besonders die frühen Werke von Habermas: "Strukturwandel der Öffentlichkeit", "Erkenntnis und Interesse".

Wer Mitte der Sechziger an die Uni kam, begegnete Habermas als einem, der in der Lage war, die Hermetik der Adorno-Kunststücke auf methodisch-nachvollziehbare Grundlagen zu stellen. Der Heidegger-Zertrümmerer und Adorno-Assistent empfahl sich der suchenden Jugend nicht durch seine biografische Erscheinung, sondern durch gelehrte Aufklärung, die den neuen Zeitgeist kristallisierte. "Strukturwandel der Öffentlichkeit", in damaligen Seminaren zur Demokratielehre eigentlich nur der Vollständigkeit halber auf die Agenda geraten, entpuppte sich als Renner.

Es war die Aufbietung linker und liberaler Vergangenheit gegen die konservative Adenauer-Gegenwart. Es ging von "Wilhelm Meister" aus gegen die Massenpresse, vom Räsonnement der Salons des 18. und 19. Jahrhunderts aus gegen die vermachtete Presselandschaft der Springer-Jahre. Es handelte von "Refeudalisierung", dem wieder geforderten Kniefall journalistischer Freiheit vor dem Staatsinteresse und - wichtig -, es war der Hinweis, dass der Mensch, der verändern will, historisch nicht allein ist.

Was Habermas streng nüchtern dozierte, unterschied sich völlig von dem, was das deutsche Gymnasium jener Jahre vermittelte: Von Strukturen, die Verhältnisse prägen, hatten die Lehrer kaum erzählt, von Zusammenhängen zwischen wirtschaftlicher Basis und ideellem Überbau auch nicht. Das Geschichtsbild, das die Schule vermittelte, handelte von staatsbürgerlicher Ruhepflicht und der Willkür dunkler Mächte. Athen und Rom waren in moralischem Verfall untergegangen, und die Nazi-Zeit war eine Orgie undurchdringlich dunkler Mächte gewesen.

Der heute 80-Jährige brachte Bewegung in diese erstarrte Geistesverabreichung, er entführte auf anstrengende Luftreisen von Hegel zu Marx, von Dilthey zu Freud. Das war 68, nicht an der Haschpfeife ziehend, nicht mit den Stones zuckend, nicht von Glück und Uschi träumend, sondern über dem Fichte-Satz brütend: "Das höchste Interesse und der Grunde alles übrigen Interesses ist das für uns selbst. So bei dem Philosophen. Sein Selbst im Räsonnement nicht zu verlieren, sondern es zu erhalten und zu behaupten, dies ist das Interesse, welches unsichtbar alles sein Denken leitet." Alles klar?

Drei Aspekte sind von heute aus imponierend an dieser Denklektion: Da ist der kritische Respekt vor Tradition und Vorläufern. Dann das vorsichtige und ruhig belehrende Weitertreiben eines Gedankens und schließlich die Heimholung der Freudschen Psychoanalyse aus dem Ghetto einer bloßen therapeutischen Methode in eine aufklärungsfähige Verständigungsstrategie. Psycho-Jargon und die gefürchteten Beziehungsgespräche - vielleicht sind sie hier geboren worden.

Der heute nervende, aber damals beim Mitreden überlebenswichtige Zwang des Ableitens, des Erklärens alles Neuen durch Altes prägte endlose studentische Diskussionen. Ein neues Stück, ein neuer Film - hatte nicht alles schon bei Walter Benjamin gestanden?

Zwar hatte Habermas 1967 auf dem Kongress nach der Erschießung Benno Ohnesorgs davor gewarnt, aus Frust über das "Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis" in Aktionismus oder ein "regressives Festhalten an der Situation von Studienanfängern" zu verfallen, aber genau das geschah.

Mit der Zauberformel, "welches erkenntnisleitende Interesse" steckt hinter dieser oder jener Fachveranstaltung, sprengten die Studenten (Stichwort: "Gegenuniversität") Seminare und Vorlesungen. Rote Zellen Romanistik ("Rotzrom") etwa wollten - statt Racine zu lesen - erst mal die klassenbedingten Grundlagen klassischer Dichtung aufklären, vertieften sich in Marx' "Kapital", unterbrachen, angeturnt vom Begriff "Dialektik", diese Lektüre, griffen zu Hegels "Phänomenologie des Geistes" und ertranken in den Tiefen der Vorrede. Examen haben die meisten dann doch gemacht.

Die Erfahrungen mit Habermas konnten im Nebel enden. Seine linguistische Wende, die Suche nach einem in der Sprache begründeten Wahrheitsbegriff, das Auffinden von Moral und Vernunft im Modell eines Diskurses mit kommunikativkompetenten Teilnehmern - bei vielen ließ das Interesse für den Bau dieser Gedankengebäude mit dem Eintritt ins Berufsleben nach.

Dafür ging der Stern des Systemtheoretikers Niklas Luhmann auf. Subsysteme haben ihre eigene Logik, das passte zur Erfahrungsgrundlage im Beruf; am Ganzen und an einer durch Sprachstrukturen zusammengehaltenen Gesellschaft war bald niemand so recht interessiert.

Habermas wurde öffentlich immer berühmter, sein von dem Politologen Dolf Sternberger übernommenes Wort "Verfassungspatriotismus" prägte die Diskussion über deutsche Nachkriegsidentität. Aber seine Lehre bekam das Image "alteuropäischen Denkens". Luhmann riet höhnisch, die an der Vernunftidee orientierte Aufklärungstradition im "Museum für soziologische Altertumskunde" abzustellen. Ein schnöder Satz, denn sein 1971 geführtes Duell mit Habermas ("Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie") stellt einen grandiosen theoretischen Ringkampf dar, bei dem keineswegs klar ist, wer auf Dauer Verlierer und wer Gewinner ist.

Der Glaube an eine in der Eigenlogik von Funktionssystemen steckende Vernunft hat ja seit der Wirtschaftskrise deutlich abgenommen. Auch Wirtschaftskompetenz muss sich einem Diskurs aller aussetzen. Habermas ist alt - aber unaktuell? NIKOLAUS VON FESTENBERG

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