Im "Geiste des Gehorsams, der Ehrfurcht, Höflichkeit und des Dienens" verspricht ein College in Tokio seine Studentinnen zu bilden. Eine andere Hochschule nahe der japanischen Hauptstadt pflegt das Motto einer "Erziehung zur Mütterlichkeit, zum menschlichen Mitgefühl und dem Streben nach Harmonie". Eine dritte in Osaka vermittelt einfach "das schöne Lebensgefühl der Frau".
Der Konkurrenzdruck lastet schwer auf Nippons "Junior Colleges" (JC), zumeist privaten Lehrinstituten höheren Anspruchs, die zweijährige Diplomkurse anbieten, besonders zugeschnitten auf junge Damen: Es gibt knapp 600 solcher Colleges mit annähernd einer Million Studienplätze. Die auch als "hanayome gakko" (Brautschulen) bespöttelten Lehranstalten müssen sich etwas einfallen lassen.
Als besonders zugkräftig scheint sich dabei die Rückbesinnung auf Rollenmuster längst überwunden geglaubter Zeiten zu erweisen: "Damenhaft" hat die College-Absolventin primär zu sein, nicht so sehr gebildet oder gar selbständig.
Nippons Personalchefs schätzen JC-Absolventinnen mehr als ihre Schwestern von der Universität - die College-Girls gelten als "sunao" (folgsam), die anderen als "namaiki" (aufsässig). Nichtjapaner würden das wohl "emanzipiert" nennen. Aber was wissen schon Ausländer.
Japan, meinen Japaner, können nur Japaner verstehen. Einem Kulturschock kommt es da gleich, wenn am "Takasu International College" ein junger britischer Wissenschaftler auftaucht, der auf japanisch japanische Kulturgeschichte lehrt.
Professor Brian McVeigh hat nun seine Erfahrungen mit Tausenden Studentinnen an drei verschiedenen Hochschulen Japans zu einer lesenswerten ethnographischen Studie zusammengetragen: Sie handelt vom "Lernen, ladylike zu sein"*.
McVeigh gibt sich redlich Mühe, sein Entsetzen über die Verhältnisse in den Lehranstalten zu verbergen, doch zwischen den Zeilen blitzt es immer wieder auf. Nach Jahren des graduellen Fortschritts für die Frauen drängt Nippons Männergesellschaft wieder in die alten Klischees zurück.
Gut 40 Prozent der japanischen arbeitenden Bevölkerung sind weiblich; rund ein Drittel von ihnen, etwa neun Millionen, gehen einer Beschäftigung nach, die gemeinhin "o-eru" heißt: Sie sind "OL", office ladies. Im Japanischen auch "shokuba no hana" (Büroblume) genannt, wirken diese Damen in Sekretariaten, am Empfang und in der Verwaltung - überall dort
in Firmen, wo die Entlohnung so gering wie die Eigenverantwortung ist. Die meisten OL sind College-Absolventen. Drei
* Brian McVeigh: "Life in a Japanese Women''s College". Routledge, London und New York 1997; 288 Seiten; 69,95 Dollar.
von vier Lift-Girls in Kaufhäusern, die marionettenhaft Fahrtrichtung und Stockwerke anzeigen, sind demnach akademisch gebildet.
In einem Handbuch, das an den Colleges als Unterrichtsmaterial dient, heißt es über die Aufgaben der Office Ladies: "Sie sollen den Arbeitsplatz für alle angenehm machen. Sie sind verantwortlich für den angemessenen Empfang von Gästen, sie halten das Büro sauber, kochen Tee, leeren Aschenbecher, hängen Bilder an der Wand gerade, sorgen für Blumenschmuck."
Bei dergleichen Stellenbeschreibung nimmt nicht wunder, daß Lächeln und Sichverbeugen Pflichtfächer im College sind. Schließlich werden hier die gebildeten Büroblumen gezüchtet: "Künftige Sekretärinnen sind angehalten, durch ständige Gesichtsgymnastik ihr Lächeln vollkommener zu gestalten", beobachtete McVeigh; als Ideal gilt dabei das "Baby-Smile", denn das ist "rein" und "echt".
Und dann die Kunst der Verneigung, die eine angehende OL, "sauber, elegant und zurückhaltend" (Lehrbuch), täglich im College übt: 15 Grad Körperbeuge bei flüchtiger Begegnung auf dem Flur oder im Lift; 30 Grad Körperklapp als Standardgruß für Gäste oder Chefs; 45 Grad Leibesknick als Ausdruck profunder Dankbarkeit oder Zerknirschung.
Fast alle jungen Frauen, die für teures Geld (Studien-, Prüfungs- und Sozialgebühren belaufen sich pro Jahr auf etwa 1,2 Millionen Yen, knapp 19 000 Mark) das Abschlußexamen eines Junior College erwerben, landen einen Job als OL. Ziel der Lehranstalten ist, ihre Absolventinnen "nicht primär auf ihre Rolle als Arbeitnehmer vorzubereiten, sondern auf ihre Familienrolle". Das Ideal der "guten Ehefrau und weisen Mutter" regiert.
Für die Unternehmer zieht die Kurzzeit-Ausbildung die Kurzzeit-Anstellung nach sich. Kaum ein OL-Arbeitsvertrag, der nicht festhielte, bei Eheschließung sei die Scheidung von der Firma bereits vollzogen. "Den Firmen ist doch völlig egal, wie klug oder gebildet ihre neuen OL sind", sagt Michiko Hata, gerade graduiert, "sie wollen nur Billigjobs füllen."
Die Kandidatinnen stehen Schlange: OL zu sein verschafft gute Ehechancen, ein ordentlich gefülltes Bankkonto, Shopping-Freiheit. "Es ist die Blumenzeit des Lebens", sagt Mika Ito, die gerade aus der Campus- in die Company-Welt gewechselt ist. "Mein Job ist die ,nigeba'' (Schutzzone) vor der wirklichen Welt. Ich lerne gleichzeitig über unsere Gesellschaft und kann mich darauf vorbereiten, eine gute Ehefrau und weise Mutter zu werden."
Sie ist überzeugt, das sei "arikata", der "ideale Weg". Emanzipation ist in Japan immer noch ein Fremdwort.