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DER SPIEGEL 38/1997 vom 15.09.1997, Seite 24

Autor: Noack

"Er gehört nicht mehr zu uns"

Freunde sind die Christdemokraten Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl nie gewesen. Doch mit der schonungslosen Kritik des Alt-Bundespräsidenten an der Machtversessenheit des Kanzlers ist der Bruch besiegelt.

Einen Moment lang sieht es am Mittwoch voriger Woche so aus, als habe der Kanzler, während im Bonner Bundestag über den Haushalt debattiert wird, unvermittelt die Lust an der Auseinandersetzung verloren. Der auf der Regierungsbank kauernde Helmut Kohl verschanzt sich in der Pose des demonstrativ Gleichgültigen hinter einem Stoß von Akten, in dem er sich scheinbar hochkonzentriert versenkt. Nur der deutlich erhöhte Lidschlag verrät, wie es wirklich um ihn bestellt ist.

Am Rednerpult steht da der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine, der genüßlich einen "prominenten Christdemokraten" zitiert: In der Republik herrsche "nun schon sehr lange ein politisches System ... das die von der Demokratie angebotenen Mittel zur Erringung und Bewahrung der Macht auf eine bisher nie gekannte Höhe der Perfektion getrieben" habe - und mehr: Diese "Konzentration der Kräfte" übersteige "bei weitem die offene konzeptionelle Pionierarbeit, von geistiger Führung zu schweigen".

Der saarländische Ministerpräsident bedient sich aus einem SPIEGEL-Gespräch vom letzten Montag. Der happige Angriff auf den Bonner Staat nach Kohlscher Prägung stammt aus dem Munde des vormaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, 77.

Obschon das Staatsoberhaupt (1984 bis 1994) den Kanzler nicht namentlich erwähnt, steht der Adressat unbezweifelbar fest - und der verhält sich entsprechend. Schon am Abend des Erscheinungstages redet sich Kohl vor der Fraktion von CDU und CSU, wie Teilnehmer sickern lassen, regelrecht in Rage. "Dieser Herr", erklärt danach der Parteichef seinen erstaunten Parlamentariern, gehöre "nicht mehr zu uns".

Der Altbundespräsident, seit 1954 Christdemokrat, habe seine während der Amtszeit ruhende Mitgliedschaft nie wieder aufgenommen - nach des Kanzlers Urteil ein entscheidendes Indiz für dessen unüberbrückbare Distanz zur Union. Folgt man dem CDU-Sprecher Rolf Kiefer, zählt der Dissident inzwischen auch formal nicht mehr zur Partei.

Zumindest scheint so der Bruch zwischen dem Regierungschef und dem einstigen ersten Mann im Staate endgültig besiegelt: ein in der Geschichte der Bundesrepublik einmaliger Vorgang. Der Freiherr von Weizsäcker, ruft Kohl dem nun zügig abservierten Kritiker hinterher, habe seine Karriere allein der CDU (also ihm, soll das wohl heißen) zu verdanken. Und jetzt dieser Abgang.

Daß der Kanzler, als er noch Mainzer Provinzfürst war, dem Mitte der sechziger Jahre bei der Ingelheimer Pharma-Firma C. H. Boehringer arbeitenden Adeligen zum bequemen Seiteneinstieg in die große Politik verhalf, läßt sich sicher nicht bestreiten - aber was sagt das schon? Der seinerzeit als "Schwarzer Riese" apostrophierte Kohl suchte potente Bündnispartner, die er gegen den übermächtig erscheinenden Rivalen Franz-Josef Strauß in Stellung bringen konnte, ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Er selber, klagt der Vorsitzende am Montag abend der Unionsfraktion, habe Weizsäcker 1979 zum Berliner Spitzenmann für die Wahl des Regierenden Bürgermeisters durchgesetzt - desgleichen kein Akt der schieren Uneigennützigkeit. Es gab Gründe für ihn, den damals schon profilierten Parteifreund (der fünf Jahre zuvor als "Zählkandidat" um das Amt des Bundespräsidenten gegen Walter Scheel unterlegen war) aus der Bonner Machtzentrale fortzuloben.

Denn im Verhältnis zwischen dem robusten Oppositionsführer Helmut Kohl und seinem feingeistigen Kombattanten nistete längst eine fest verwurzelte wechselseitige Antipathie, die dem Führungszirkel nicht verborgen blieb. Als Weizsäcker 1984 erstmals eine wirkliche Chance hatte, zum Staatsoberhaupt aufzusteigen, zögerte der Kanzler buchstäblich bis zum letzten Augenblick.

"Allmählich drohte das Zaudern in Demontage auszuarten", erinnert sich der Freiherr in seiner soeben erschienenen Biographie "Vier Zeiten" - ein Kohlscher Versuch, der zwar nicht zum Erfolg führte, den er dem vormaligen Protektor aber nie verzeihen mochte. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Franz-Josef Strauß sei es gewesen, der ihm mit einer überraschend einberufenen Pressekonferenz ("Diesem Spiel muß ein Ende gemacht werden") das Tor zur Villa Hammerschmidt aufstieß.

Richard von Weizsäcker am Ziel seiner Wünsche; freilich bei manchen, die ihn näher kennen, stellt sich auch da noch der Eindruck ein, daß er sich zumindest im Vergleich zu Kohl eigentlich für den besseren Regierungschef hält. So wächst ein bis dato ungewohnt politischer Präsident heran, der das Bonner Bündnis nicht gerade als erhebend empfindet. Noch heute beharrt er darauf, die Koalition habe "auf Anhieb keine glückliche Hand mit der von ihr angekündigten geistig-moralischen Wende" gehabt.

Wer sollte ihm da verdenken, daß er dieses Manko selbst zu kompensieren trachtet. Unvergessen bleibt so seine Rede, mit der er zum 4o. Jahrestag des Kriegsendes im Bonner Bundestag dem nachdenklicheren Teil seiner Mitbürger höchsten Respekt abforderte. Hatte der Kanzler nicht kurz zuvor auf dem Bitburger Soldatenfriedhof eine ziemlich unsägliche Show abgezogen?

Doch der seines intellektuellen Formats stets gewisse Präsident kann auch zuschlagen. Im Juni 1992 ergrimmte er die "Politikerschicht", sie erliege einer "Machtversessenheit in bezug auf Wahlkampferfolge". Zwar richtet sich die Philippika an alle Kollegen, aber einer, der ja schließlich die Regierungsverantwortung trägt, fühlte sich natürlich besonders getroffen.

Freilich, Kohl, der in sogenannten Hintergrundgesprächen seinerseits über den Intimfeind herzieht, traute sich öffentlich erst nach dessen Amtsende. Als Weizsäcker dringend empfahl, die PDS ernst zu nehmen, reichte es dem der Kanzler: Er habe "in diesem wie in anderen Fällen" nicht die Absicht, den Ratschlägen Folge zu leisten.

Da, im Herbst '95, ist das Tischtuch bereits erkennbar durchschnitten - der Rest ließe sich als quälender Klärungsprozeß beschreiben. Spätestens als der Ex-Präsident am vorigen Donnerstag in der Hamburger WOCHE erläutert, die von Kohl eingeforderte Dankbarkeit sei "unter Menschen ... eine edle und wichtige Tugend", dürfe aber keine "Abhängigkeitsverhältnisse" schaffen, kommt es in Bonn zum Eklat.

Oder wie soll man es sonst bezeichnen, wenn einerseits aus dem Parteihauptquartier gemeldet wird, das CDU-Mitglied Richard von Weizsäcker gebe es "in der Kartei nicht mehr", das ehemalige Staatsoberhaupt indessen nach eigenem Bekunden selber "keine Ahnung von einer Streichung" hat?

Nur, was immer da passiert sein mag "näher zu qualifizieren", ist sich Weizsäcker denn doch zu fein.

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