Als dieser Film bei den diesjährigen Festspielen von Cannes Premiere hatte, ereignete sich ein kleines Wunder: Über tausend Journalisten schluchzten in seltener Einhelligkeit und versteckten ihre Tränen hinter den klobigen 3-D-Brillen, die sie auf der Nase hatten. Dabei ist "Oben" eigentlich Familienunterhaltung, produziert von der Disney-Tochter Pixar, das Plakat zum Film zeigt Hunderte bunter Luftballons.
Doch "Oben" ist ein Kinderfilm, der im Zeitraffer erwachsen wird, so schnell etwa, wie ein Ballon zum Himmel steigt. Er erzählt in seinen ersten Minuten von dem kleinen Jungen Carl, der davon träumt, mit einem Zeppelin die Welt zu erkunden, und von einer Reise ins geheimnisvolle Südamerika schwärmt. Und der ein ganzes Leben braucht, um diesen Traum zu verwirklichen.
Dabei trifft er schon im Kindesalter das Mädchen Ellie, das ähnlich hochfliegende Ideen hat wie er. Sie werden zu Spiel-, dann zu Lebenskameraden. Das abbruchreife Haus, in dem sie als Kinder herumtollen, renovieren sie als Eheleute. Voller Überschwang streichen sie die Wände bunt für das Kind, das sie sich wünschen und das es nicht geben kann, weil dieser Lebenstraum in einem Arztzimmer zerplatzt: Ellie kann keine Kinder bekommen.
Den Traum von einer Reise nach Südamerika aber, der sie einst zusammenbrachte, wollen sie sich von niemandem nehmen lassen. Doch kleine Missgeschicke halten sie immer wieder davon ab. Ein Baum fällt beim Sturm auf das Dach ihres Hauses - die Reisekasse muss geplündert werden. Von oben kommt nicht immer Gutes.
Als die beiden eines Tages zusammen einen Hügel erklimmen, muss Carl seiner Frau helfen, weil sie es aus eigener Kraft nicht mehr schafft. Er kauft Flugtickets für Südamerika, doch als er sie ihr zeigen will, liegt Ellie schon schwerkrank im Bett. Kurz darauf sitzt er allein vor den Blumengebinden bei ihrer Beerdigung.
15 Minuten braucht "Oben", um dies alles zu erzählen. Er lässt den Zuschauer an einer großen Liebe teilhaben, von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende, und er tut dies fast wortlos.
Er lässt uns höchstes Glück und tiefste Trauer empfinden. Wer von "Oben" nicht zu Herzen gerührt wird, muss sich fragen, ob er eines hat.
Vielleicht ist es noch nie zuvor einem Film gelungen, den Zuschauern das Tempo, mit dem das Leben dahinrast und dabei viele unerfüllte Träume zurücklässt, so eindringlich spüren zu lassen: Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss. Das Leben ist ein schneller, wilder Strom.
Regisseur Pete Docter und seine Mitarbeiter haben eine atemlose Tour de Force durch ein Leben erschaffen, und das Wunder ihrer Kunst ist es, dass sie ein Maximum an Lebenszeit auf ein Minimum an Erzählzeit verdichten und dass sie dabei zu Tränen rühren, ohne kitschig zu sein.
Bei all den Härten des Lebens, die "Oben" direkt an den Zuschauer weitergibt, ist der Film nie rührselig, denn er hat einfach keine Zeit dafür.
Die ersten Minuten des Films bringen Carl im Nu an einen Punkt, an dem er nichts mehr vor sich zu haben scheint als den Tod. Da steht er also auf seinen wackligen Beinen, der Held von "Oben", mit dem sich auf der ganzen Welt Millionen Kinder identifizieren sollen: ein verbitterter Greis mit Krückstock und dritten Zähnen, tief gebeugt vom Alter und vom Schicksal. Kann ein Film seine Zuschauer noch mehr runterziehen? Warum heißt er eigentlich "Oben"?
Weil die Kino-Zauberer von Pixar mit all ihren Geisteskräften wieder Leben ins triste Dasein ihres Helden blasen.
Carl verdiente seinen Lebensunterhalt, indem er Luftballons verkaufte; nun füllt er so viele von ihnen mit Helium, bis das Haus, in dem er mit Ellie wohnte und das nun abgerissen werden soll, vom Boden der Tatsachen abhebt. Es schwebt hoch und nimmt Kurs auf Südamerika.
"Ein Träumer will immer noch mehr", schrieb der deutsche Philosoph Ernst Bloch in seiner "Ästhetik des Vor-Scheins". Ein Träumer versuche, die Not kraft seiner Phantasie zu überwinden: "Hier zeichnet sich ein größeres Bild in die Luft, ein wünschend überlegtes." So gesehen ist die Luftschloss-Phantasie der Pixar-Leute filmgewordener Bloch: ein kunterbuntes Bekenntnis zum Prinzip Hoffnung.
Die Leute in den Pixar-Studios scheinen selbst unverbesserliche Träumer zu sein, sie erzählen Geschichten von einer Ratte in einem Gourmet-Restauraunt (in "Ratatouille", 2007) oder von einem Roboter auf einer von den Menschen verlassenen Erde (in "Wall-E", 2008).
Und nun die Geschichte vom Rentner Carl, der als greiser Eroberer eine Terra incognita erkundet, als ihrem Helden, weil auch sie mit jedem ihrer Filme Neuland betreten.
Sie schicken ihn auf eine abenteuerliche Reise, mit einem pfiffigen Pfadfinder, einem sehr bunten Vogel, vielen sprechenden Hunden und einem wunderbar absurden Humor als ständigen Begleitern. Diese Reise ist überaus vergnüglich und macht mehr als zwei Drittel des Films aus. Doch der emotionale Höhepunkt von "Oben" ist da schon lange vorbei.
Der ist erreicht, wenn der Held an seinem Tiefpunkt ist. LARS-OLAV BEIER