Und wieder einmal ist es so, als gäbe es zwei Welten, zwei Wahrnehmungen - die Teherans und die des Westens.
Während Mahmud Ahmadinedschad, 52, für seinen provokativen, israelfeindlichen Auftritt vor der Uno-Antirassismus-Konferenz in Genf von amerikanischen wie europäischen Politikern und Medien scharf kritisiert wurde, brandete ihm bei seiner Rückkehr in die Heimat am vergangenen Dienstag Jubel entgegen. "Danke, danke unserem heldenhaften Präsidenten", skandierten Abgeordnete im iranischen Parlament. "Meinetwegen haben einige Länder die Konferenz boykottiert. Ich erkläre hiermit, dass ich nun an allen internationalen Konferenzen teilnehmen werde", rief Irans Präsident trotzig. Den EU-Delegierten, die bei seiner Rede in Genf den Saal verlassen hatten, warf er "Intoleranz" vor.
Hossein Mussawi, 67, hat sich vorsichtig zu diesen Vorgängen geäußert - wie so häufig in seinem Leben erst einmal abwartend, abtastend. Der Ex-Ministerpräsident sagte nur: "Wer den iranischen Präsidenten beleidigt, der beleidigt das iranische Volk." Er ist der Spitzenkandidat der sogenannten iranischen "Reformer" und der "Pragmatiker", wie sich die gemäßigten Konservativen bezeichnen. Mussawi gilt als einzig chancenreicher Kontrahent der "Prinzipientreuen", so heißen die Hardliner, die sich bei der Wahl am 12. Juni vor allem um Amtsinhaber Ahmadinedschad scharen dürften.
Mussawi hat einen schweren Wahlkampf vor sich. Zwar regt sich in den iranischen Städten Unmut - vor allem wegen der katastrophalen Wirtschaftspolitik Ahmadinedschads; doch auf dem Land ist der hemdsärmelige und charismatische Präsident immer noch populär. Außerdem kann Ahmadinedschad bei seinen Auftritten den gesamten Apparat eines Amtsinhabers nutzen. Nur wenn es Mussawi gelingt, die jungen Leute und die Mittelschicht an die Urnen zu bewegen, hat er eine Chance. Gerade da aber liegt sein Defizit: Viele der unter 30-Jährigen (und das sind zwei Drittel der iranischen Bevölkerung) kennen ihn gar nicht - bislang zumindest.
Geboren in der Nähe von Täbris, hat Mussawi Architektur studiert und im Untergrund gegen das Schah-Regime gekämpft. Nach dem Sturz von Mohammed Resa 1979 wurde er 1981 Außenminister und wenige Monate später Ministerpräsident des neuen Gottesstaates. Im achtjährigen Krieg gegen den Irak bewährte er sich als Organisator der Mangelwirtschaft. Als innenpolitischer Reformer tat sich Mussawi jedoch nicht hervor - selten gab es so viele Verhaftungen wie in seiner Amtszeit.
Von 1989 bis heute hatte der geschmeidige Intellektuelle kein wichtiges Staatsamt mehr inne, ist aber Mitglied im Schlichtungsrat, der bei Konflikten zwischen dem Parlament und dem einflussreichen Wächterrat vermittelt. Sein Verhältnis zur obersten iranischen Instanz, dem religiösen Führer Ajatollah Ali Chamenei, soll sich nach Machtkämpfen seit kurzem wieder eingerenkt haben.
Zu den großen anstehenden Entscheidungen der iranischen Politik - der Atomfrage, der möglichen Neuaufnahme der Beziehungen zu Washington - ist jetzt der Fall Roxana Saberi gekommen. Ein Revolutionsgericht hat die iranisch-amerikanische Reporterin, die unter anderem für die BBC arbeitete, Mitte April zu acht Jahren Haft verurteilt - in einem dubiosen Schnellverfahren, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Teheran abgehalten wurde. Ist die ehrgeizige ehemalige Politikstudentin zu einem Faustpfand in den Händen der iranischen Führung geworden?
Das Verteidigerteam, dem sich die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi angeschlossen hat, legte inzwischen Revision gegen das Urteil ein. Ahmadinedschad selbst forderte in einem aufsehenerregenden Schreiben an die Justizbehörden eine "gerechte Behandlung" der Journalistin, was von manchen als Hinweis auf ein Tauwetter im Verhältnis zu den USA und eine baldige Begnadigung verstanden wurde. Sein schärfster politischer Konkurrent wollte sich zu dem Fall nicht äußern.
Mussawi traf sich mit dem SPIEGEL in der Teheraner Kunstakademie, die er vor elf Jahren mitgegründet hat und deren Präsident er ist. Das Interview folgt dem SPIEGEL-Gespräch mit Präsident Ahmadinedschad von Mitte April, das in Iran großes Aufsehen erregte und von den meisten Tageszeitungen ausführlich zitiert wurde. Die einflussreiche "Iran News" druckte es sogar im Wortlaut. Mussawis Äußerungen lassen sich auch als Antwort auf Ahmadinedschad verstehen.
SPIEGEL: Herr Mussawi, warum kehren Sie nach 20 Jahren Abstinenz in die große Politik zurück?
Mussawi: Weil vieles nicht richtig läuft in diesem Land, vor allem in der Wirtschaftspolitik. Und weil ich denke, da kann ich etwas verbessern. Ich werde versuchen, die Korruption auszurotten.
SPIEGEL: Sie erwähnen nicht die Außenpolitik. Zögern Sie wie Präsident Ahmadinedschad, auf das Gesprächsangebot von US-Präsident Barack Obama einzugehen?
Mussawi: Die Sprache, die Herr Obama benutzt, unterscheidet sich angenehm von der seines Amtsvorgängers George W. Bush. Jetzt aber müssen Taten folgen. Wir werden genau beobachten, was passiert - wenn seine Handlungen seinen Worten entsprechen, warum sollten wir dann nicht verhandeln?
SPIEGEL: Sie reden wie Ahmadinedschad. Es geht doch auch darum, welche konkreten Schritte Sie zur Entspannung beitragen, wie Sie auf Obama zugehen können.
Mussawi: Je realistischer die US-Politik wird, desto besser. Wir wurden von Washington auf eine "Achse des Bösen" gesetzt, jetzt wollen wir konkrete Schritte sehen, dann kann sich langsam wieder Vertrauen aufbauen. Dazu gehört von uns aus, dass wir uns im Ton mäßigen. Ich setze auf gute Beziehungen zu anderen Ländern. Entspannungspolitik wird für mich ein zentrales Thema sein.
SPIEGEL: Setzen Sie auch auf konkrete Zusammenarbeit mit dem Westen, etwa bei der Stabilisierung von Afghanistan und dem Irak?
Mussawi: Wir haben große Probleme in der Region. Wir sollten anfangen, darüber einen Dialog zu führen. Das wird alles nicht schnell passieren, aber lassen Sie uns Schritt für Schritt in Richtung guter Beziehungen vorangehen.
SPIEGEL: Dazu könnten Sie entscheidend beitragen - indem Sie in der Atomfrage dem Wunsch der Völkergemeinschaft entgegenkommen. Wie soll Ihnen die Welt glauben, dass Sie keine Bombe bauen, wenn Sie nicht einmal bereit sind, die Urananreicherung auszusetzen?
Mussawi: Unsere Nuklearpolitik ist transparent, wir haben unsere Anlagen den Uno-Kontrolleuren geöffnet. Wir werden aber nicht auf die großen Errungenschaften iranischer Wissenschaftler verzichten. Die Urananreicherung wird auch von mir nicht ausgesetzt. Ich werde aber versuchen, unnötige Spannungen zu verhindern. Wir haben ein Recht auf die Urananreicherung.
SPIEGEL: Ist denn als ein Kompromiss wenigstens die Auslagerung der Urananreicherung, beispielsweise nach Russland, für Sie denkbar?
Mussawi: Nein.
SPIEGEL: Auch darin unterscheiden Sie sich nicht von Ihrem Präsidenten. Wo liegen denn die Differenzen?
Mussawi: Muss es zwischen zwei Kandidaten in entscheidenden nationalen Fragen immer grundlegende Differenzen geben? Ich sehe, dass man im Westen beginnt, die Frage der atomaren Aufrüstung von der friedlichen Nutzung der Nuklearenergie zu trennen. Wir haben entscheidende technische Fortschritte gemacht, warum sollten wir die nicht zur Energiegewinnung einsetzen? Nachdem sich beispielsweise unsere deutschen Freunde so lange geweigert haben, uns bei der Fertigstellung des Atomkraftwerks Buschehr zu helfen ...
SPIEGEL: ... dessen Bau noch zu Schah-Zeiten unter Beteiligung von Siemens begonnen und dann mit der Revolution 1979 abrupt beendet wurde.
Mussawi: Außerdem haben wir schlechte Erfahrungen mit einem Moratorium gemacht. Als wir von 2003 bis 2005 die Anreicherung ausgesetzt hatten, haben wir dafür nichts bekommen. Im Gegenteil: Die Aussetzung wurde benutzt, um die weitere Entwicklung bei uns zu blockieren.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das Verhältnis zu Europa verbessern?
Mussawi: Wir hatten immer eine gute Beziehung zu Europa, der Nahe Osten ist Europas Nachbar. Und wir sind ein starker Mitspieler in dieser Region.
SPIEGEL: Immer wieder bezweifelt Ihr Präsident, dass sich der Holocaust ereignet hat, dass die Deutschen sechs Millionen Juden umgebracht haben. Sie auch?
Mussawi: Es geht nicht um die Zahl der Getöteten. Es geht nicht darum, wer die Taten begangen hat - gleichgültig wer dafür verantwortlich ist, er wird von uns verurteilt. Nur: Warum müssen die Palästinenser für das bezahlen, was damals in Europa geschehen ist?
SPIEGEL: Präsident Ahmadinedschad glaubt nicht, dass der Massenmord an den Juden historisch bewiesen ist. Haben auch Sie weiteren Klärungsbedarf?
Mussawi: Wir haben in Teheran einen Friedhof, auf dem polnische Zuwanderer ruhen. Sie sind vor den damaligen Ungerechtigkeiten zu uns geflüchtet - es muss da irgendetwas vor sich gegangen sein.
SPIEGEL: Erkennen Sie Israel an?
Mussawi: Nein, ich erkenne es nicht an. Seit 20 Jahren fordern wir eine Lösung des Problems durch eine Umfrage unter allen Palästinensern. Diese Erhebung sollte auch jüdische und christliche Palästinenser einschließen, die in diesem Gebiet leben. Sie sollen entscheiden, ob sie in einem Staat oder in zwei Staaten leben wollen.
SPIEGEL: Viele Iraner beklagen, dass sich Ihr Präsident mehr um die Palästinenser kümmert als um sein eigenes Volk. Wo werden Sie Schwerpunkte setzen?
Mussawi: Mit dem Wechsel der Regierung wird es auch einen Kurswechsel in der Politik geben. Ich werde mich besonders für eine Verbesserung unserer wirtschaftlichen Lage einsetzen. Ich werde die Inflation bekämpfen, Arbeitsplätze schaffen und das Geschäftsklima verbessern. Wir brauchen dazu auch den privaten Sektor.
SPIEGEL: Ist mit Ihnen auch die Hoffnung auf politische Liberalisierung verbunden?
Mussawi: Ich bin Mitbegründer einer Kulturstiftung. In unserer Galerie herrscht eine freie Atmosphäre für Künstler und Intellektuelle. Ich halte auch die Abschaffung der Religionspolizei für möglich.
SPIEGEL: Wie beurteilen Sie selbst Ihre Wahlchancen?
Mussawi: Wir versuchen, die Dinge optimistisch zu sehen. Wir müssen abwarten, wie sich die Stimmung in den nächsten Wochen entwickeln wird. Sie ändert sich bei uns schnell. Ich werde auf meinen Wahlkampfreisen durchs Land den Kontakt mit dem Volk suchen und mein Bestes geben.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Sie gegen den riesigen Propagandaapparat des Präsidenten ankommen? Schließlich soll auch der religiöse Führer Ali Chamenei auf der Seite Ahmadinedschads stehen.
Mussawi: Ich war kürzlich zu einem ausführlichen persönlichen Gespräch bei unserem religiösen Führer. Wie schon bei seinem Auftritt im März in Maschhad hat er noch einmal versichert, dass er neutral ist und jede gewählte Regierung unterstützen wird. Je geschlossener unsere Reihen in den zentralen Fragen der Politik sind, desto besser für die Zukunft unseres Landes.
DIETER BEDNARZ, ERICH FOLLATH