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DER SPIEGEL 22/2009 vom 25.05.2009, Seite 76

Autor: Jochen-Martin Gutsch

Die guten Reichen

Ortstermin: In Berlin formiert sich der Aufstand der Vermögenden.

Der Albrechtshof ist ein kleines Hotel nahe der Friedrichstraße, untergebracht in einem alten Haus und im Besitz der Berliner Stadtmission. Der Eingang wirkt ein bisschen verrumpelt, und zur Geschichte gehört, dass hier einst Martin Luther King übernachtete, vor vielen Jahren, damals in der DDR. Alles in allem ist der Albrechtshof nicht das Adlon oder das Ritz-Carlton. Kein Platz der Reichen, eher ein Platz der Bescheidenen. Vielleicht sind sie deswegen hierhergekommen, die drei Reichen, die an diesem Vormittag in einem engen Raum im Albrechtshof sitzen und ihre Botschaft verkünden.

Bruno Haas spricht als Erster. Ein Mann mit Bart, 31 Jahre alt, Philosoph, Erbe eines Chemieunternehmens. Er hat Zettel vorbereitet. Er sagt: "Wir haben mehr, als wir brauchen." Neben Haas sitzen Dieter Lehmkuhl, ein vermögender Arzt im Ruhestand, und Dörte Segger, eine vermögende Lehrerin im Ruhestand. Lehmkuhl nickt. "Wenn wir was abgeben, gehen bei uns nicht gleich die Lichter aus." Segger, die Lehrerin, greift zum Mikrofon und zitiert Horst Köhler, den Bundespräsidenten. "Das Kapital muss Diener der Menschen sein. Nicht umgekehrt."

Haas, Lehmkuhl und Segger gehören zu einer Gruppe von 23 Vermögenden, die von ihrem Geld gern etwas abgeben wollen. Da sie aber noch niemand danach fragte, auch nicht Peer Steinbrück, der Finanzminister, haben sie einen Appell ausgearbeitet mit einer einfachen, selbstlosen Idee: der Einführung einer Vermögensabgabe. Wer ein Vermögen von mehr als einer halben Million Euro besitzt, soll zwei Jahre lang jeweils fünf Prozent davon an den Staat zahlen.

"Warum machen wir das?", fragt Haas. "Es geht um ein politisches Signal. Vermögende, wie wir, müssen stärker an den Lasten der Finanzkrise beteiligt werden."

Lehmkuhl, der Arzt, nickt. "Die bisherigen Maßnahmen der Regierung verletzen unser Gefühl von Gerechtigkeit", sagt er. "Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert, so geht das nicht."

Das Geld aus der Vermögensabgabe, das ist der Plan, soll zweckgebunden eingesetzt werden. In den Bereichen Ökologie, Bildung, Gesundheit, Soziales. Hartz-IV- und Bafög-Sätze sollen erhöht werden.

Es klingt wie eine weihnachtliche Idee. Wie ein Märchen vom guten Reichen.

Liechtenstein, Managergehälter, Börsen-Crash, Zumwinkel, Ackermann - der Reiche hatte zuletzt keinen guten Ruf. Er wollte, so schien es, immer ein bisschen zu viel. Er war immer ein bisschen zu gierig.

Segger, die Lehrerin, greift zum Mikrofon. "Wir sind keine naiven Spinner." Sie schaut fast bittend. Sie tragen Jeans, Turnschuhe und Sandalen. Sie sehen alle aus wie Ostermarsch-Teilnehmer. Haas, der Philosoph, sagt: "Persönlicher Reichtum ist nicht alles." Segger, die Lehrerin, spricht davon, dass weltweit Tausende Menschen pro Tag an unsauberem Trinkwasser sterben. Lehmkuhl, der Arzt, zitiert Mahatma Gandhi. "There is enough for everyones need, but not enough for everyones greed."

Wahrscheinlich hätte man noch vor einem Jahr über sie gelächelt. Man hätte sie Gutmenschen genannt; ein Begriff, der achtvoll klingt, aber verachtend gemeint ist. Eine Vermögensabgabe? Eine Reichensteuer? So gestrig wie Verstaatlichung. Beliebt allenfalls im Lager der Linkspartei und unter sehr alten Sozialdemokraten, neidumweht, ein Rest von Klassenkampf, die da oben und die da unten, das galt als überholt, spätestens seit den Zeiten der neuen Mitte.

Die Krise, so scheint es, wird jetzt alles zurückbringen. Die ganzen alten Kämpfe. Die ganzen alten Fragen. Und an der Spitze der Revolution stehen die Reichen, ein paar jedenfalls. Sie sind keine Superreichen. "Wir sind eher die Vermögenden von nebenan", sagt Bruno Haas, der Philosoph.

Bernhard Seidel, früher beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung tätig, sagt, es gebe über zwei Millionen Deutsche, die in die Vermögenskategorie von mehr als einer halben Million fallen würden. Seidel sitzt hier als Experte. Was könnte eine Vermögensabgabe bringen, finanziell? Schwer zu kalkulieren, sagt Seidel. Aber nach einer sehr groben Schätzung vielleicht 50 Milliarden Euro im Jahr. Dieter Lehmkuhl, der Arzt im Ruhestand, zieht einen zerknitterten Zettel hervor, handbeschrieben. Sein Vermögen habe zwischen 2002 und 2007 um 25 Prozent zugenommen, sagt er. Einen Großteil hatte er geerbt. Jetzt lag es da und wuchs. Lehmkuhl könnte sich darüber freuen, aber er will sich eher entschuldigen. "Ich bin zufällig auf die Butterseite des Lebens geplumpst."

Am Ende ist es wohl eine moralische Frage, eine philosophische auch. Wie viel soll der Reiche geben? Welche Last trägt der Starke in der Gesellschaft? Was ist gerecht? Es sind ewige Fragen. Sie werden allerdings selten moralisch entschieden oder philosophisch. Sondern politisch.

Es gab mal eine Vermögensabgabe. Eingeführt kurz nach dem großen Krieg, 1952. Man brauchte Geld für all die Kriegsschäden, für die Vertriebenen. Aber das ist lange her, 2009 ist Wahljahr, und das Wort Abgabe war schon immer Wahlkampfgift.

Hat die Initiative eine Strategie?

Bruno Haas, der Philosoph, überlegt kurz. "Unsere weitere Vorgehensweise bedarf noch weiterer Überlegungen."

Wird die Bewegung wachsen?

Haas nickt. "Es gibt ein verzerrtes Bild davon, was die Vermögenden leisten würden. Man muss sie doch erst mal fragen."

Dann stehen die drei guten Reichen auf und treten vor die Tür. Sie sehen kampfbereit aus und ein bisschen beseelt.

I have a dream, sagte Martin Luther King. JOCHEN-MARTIN GUTSCH

DER SPIEGEL 22/2009
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