DER SPIEGEL


DER SPIEGEL als E-Paper

Heft 18/2012  vom 30.04.2012


Seite 132
Seite 133
Demoversion
ganzes Heft als Pdf In der Demo Version kann das ganze Heft nicht herunter geladen werden.
VERLAGE
Polen gegen Springer

Der polnische Außenminister Radek Sikorski wirft der deutsch-schweizerischen Ringier Axel Springer Media vor, antisemitische Äußerungen zu verbreiten. Er will vor Gericht eine Klärung der persönlich gegen ihn gerichteten Hetze erreichen. Auf Internetseiten der Boulevard-Zeitung "Fakt", einer Art polnischen "Bild", waren vergangenes Jahr judenfeindliche Leserkommentare aufgetaucht, beispielsweise: "Ins Gas mit Sikorski". "Ich glaube nicht, dass Springers Grundsätze in Deutschland einen solchen Kommentar gegen den deutschen Außenminister zulassen würden", sagte Sikorski, der mit der amerikanisch-jüdischen Publizistin Anne Applebaum verheiratet ist, dem SPIEGEL. Er fordert, "Fakt" solle die Leserforen stärker moderieren. Neben "Fakt" hat Sikorski zwei weitere Blätter verklagt. Der Axel-Springer-Verlag, zu dessen Unternehmensgrundsätzen die Aussöhnung mit den Juden gehört, hält dagegen, man habe die Tiraden längst entfernt und sich bei Sikorski entschuldigt. In Polen würden dieselben hohen Standards gelten wie in Deutschland. Sikorski hofft, vor Gericht eine Entschädigung zu erstreiten, die er einer wohltätigen Organisation stiften will.

AGENTUREN
Falsches Selbstlob

Als die Nachrichtenagentur dapd gerade neu auf den Markt kam, zog sie sich den Spott der Branche zu, weil sie mit 49 Pulitzer-Preisen warb, die sie angeblich gewonnen hatte. Die Preise waren aber nur an Journalisten ihrer Partneragentur AP gegangen. In den vergangenen Wochen sorgte die PR der dapd erneut für Stirnrunzeln. So rühmte sich die Agentur "jüngst" übergelaufener Angestellter der Konkurrenz. Darunter führte sie jedoch auch den ehemaligen Vertriebsleiter der AFP-Deutschland auf, der bereits vor einem Jahr die dapd verlassen hat - nach nur sechs Monaten. Reklame machte dapd auch mit dem Hinweis auf eine Mail ihrer Betriebsräte an den NDR, in dem jene die eigene Firma loben. Darüber beschwerte sich die Vorsitzende des Frankfurter dapd-Betriebsrats: "An dieser Mail war ich nicht beteiligt. Zwar ist es richtig, dass die Kollegen hohes Engagement zeigen. Dass die Stimmung im Unternehmen gut sei, entspricht meiner Meinung nach aber nicht den Tatsachen." Laut dapd war die eine Mitteilung "ein technischer Fehler eines Assistenten". Zur Beschwerde der Betriebsrätin wollte sich die Agentur nicht äußern.

NIGGEMEIERS MEDIENLEXIKON
Image|kam|pa|gne
die: Verzweiflung in Reklameform

Die Gema hat ein Image-Problem. An guten Tagen ist sie fast so beliebt wie Wanderwarzen oder Dauerbaustellen. Vermutlich werden nur Krebs und die GEZ in Deutschland mehr gehasst als sie (Bild: Gema-Chef Harald Heker).

Aktuell sorgt eine neue Gebührenordnung, die vom kommenden Jahr an gelten soll, für Schlagzeilen, in denen nichts weniger als die "Existenz der deutschen Clublandschaft" in Frage gestellt wird. Die "Sächsische Zeitung" fragt: "Müssen die Partys sterben?"

Vor eineinhalb Jahren entstand der Eindruck, dass die Gema, die im Auftrag von Komponisten und Musikautoren Gebühren für den Einsatz und die Aufführung von Musik kassiert, das gemeinsame Singen von Liedern im Kindergarten verhindern wollte. Das stimmte zwar nicht, klang aber plausibel. Wenn morgen das Gerücht aufkäme, dass man in Zukunft für Musiktitel, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, eine zusätzliche Gema-Pauschale bezahlen müsste - viele würden es glauben.

Insofern ist es nachvollziehbar, dass die Gema jetzt "Image-Maßnahmen" ergriffen hat. Gemeint ist damit aber natürlich bloß eine Werbekampagne. Ein Slogan lautet: "Ohne Komponisten gäbe es sonntags nicht 8 420 000 Tatorte." Darunter steht klein, dass Klaus Doldinger, von dem die "Tatort"-Titelmusik stammt, Gema-Mitglied sei. Rätselhaft. Ein anderes Motiv zeigt eine ältere Dame in ihrer Küche neben einem Glas Wasser und dem Satz: "Ohne Textdichter hätte mein Leben nicht mit 66 angefangen." Das bezieht sich auf Wolfgang Hofer, von dem der Text zu dem Udo-Jürgens-Hit stammt.

Fast könnte man in der Kampagne den Versuch sehen, die emotionale Beziehung, die Menschen zu Musik haben, durch spröde Bürokratenbegriffe wie "Textdichter" zu konterkarieren. Laut Pressemitteilung zeigen die Motive den Menschen aber, "dass es ihre persönlichen musikalischen Sternstunden ohne die kreativen Leistungen von Textdichtern und Komponisten nicht gäbe". Die Botschaft lautet also ungefähr: Ohne Musik gäbe es keine Musik.

Nun hat Musik aber im Gegensatz zur Gema gar kein Image-Problem. Es ist, als würde die Vereinigung der Tsunamis eine Image-Kampagne starten, die für die Nützlichkeit von Wasser wirbt. Unten in den Anzeigen steht: "Musik ist uns was wert. Gema." Das "uns" ist etwas verwirrend. Aber die treffendere Variante wäre wohl nicht hilfreich gewesen: "Wir lassen euch Musik was kosten."

© DER SPIEGEL18/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



TOP



TOP